Geschrieben von Dienstag, 13 März 2018 13:00

Das Vollplaybacktheater im großen Interview zu 20 Jahren VPT

Beim Vollplaybacktheater herrscht ganz offensichtlich Sodom und Gomorrah, wie die Reportage "Auf Achse – 24h mit dem VPT - Eine Tourneereportage" jüngst enthüllte. Die feinen Herrschaften duschen mit Konfetti, klauen sich gegenseitig Schießbörger und vernichten Alkoholika, bis auch noch der letzte Mexikaner über die Straße rollt. Ganz zu schweigen von dem ganzen Theater drumherum.

Wir trafen David J. Becher und Christoph Landwehr vor dem Auftritt in der Alten Feuerwache in Mannheim und vor der Enthüllung der skandalösen Aufnahmen. Die beiden übernahmen die unehrenvolle Aufgabe, das Ensemble halbwegs kompetent und das Chaos namens "Das Vollplaybacktheater interpretiert: Die drei ??? und das Gespenterschloss" irgendwie kalkuliert aussehen zu lassen. Im folgenden Interview erfahrt ihr alles über das Vollplaybacktheater, ob ihr es wissen wollt und nicht.

Wie erklärt ihr jemandem, der euch noch nicht kennt, was das VPT ist? Wenn man das übrigens googelt, findet man immer den Verband der ...

David: ...Physiotherapeuten, genau. In Bottrop gibt es aber auch eine Firma, die Druckluftkompressoren macht. VPT Druckluftkompressoren, das gibt es alles.

Christoph: Aber eigentlich ist es ja das Vollplaybacktheater. Wir sagen immer: Komm' mal lieber vorbei. (lacht) Es ist immer schwierig zu erklären, wobei das Prinzip relativ einfach zu erklären ist. Wir spielen Theater, sprechen aber nicht selbst, sondern der Ton kommt aus der Box. Wir bewegen die Lippen synchron dazu und spielen das, was die Leute hören. Das ist im Grunde, was wir tun. Aber wenn man das erklärt hat, reißt das die Leute erstmal nicht so mit und es ist schwierig zu verstehen, was dann tatsächlich hinterher im Saal dabei so abläuft.

David: Es ist im Prinzip wie das Musikantenstadl, nur mit Hörspielen und lustiger.

Christoph: Ganz viel Playback, Stars aus der Box. (lacht)

Und danach kann man auch nicht mehr erklären. Ich habe es schon mehrfach versucht. Starte immer damit, wie witzig es ist und weiter komme ich nicht ...

Christoph: Es hat einfach so viele verschiedene Komponenten. Es ist einmal das Spielen zu Playback, was per se schon lustig ist, weil man es natürlich sieht, dass wir es nicht selbst sind und zwischendurch auch vielleicht mal vergisst. Dann ist es so, dass man die Stimmen, die aus der Box kommen, sehr gut kennt. Diese Stimmen sind den Leuten total vertraut und dann haben wir die Möglichkeit, das, was wir auf der Bühne zeigen, damit völlig zu konterkarieren, was die Leute sich eigentlich vorstellen würden, wenn sie nur das Hörspiel hören würden. Es passieren ja auf der Bühne durchaus mal ganz andere Sachen, als die, die man zu den Geräuschen assoziieren würde.

David: Wobei jetzt alleine diese Erklärung ist ja schon hochgradig kompliziert. (lacht)

Christoph: (lacht) Ja eben, das benutzt schon viel zu viele Sätze ... und dann kommt ja noch dazu, dass wir nicht nur das bloße Hörspiel spielen, sondern einen Remix von allen ...

David: Der gesamten Popkultur!

Christoph: Ja, allen kulturellen Einflüssen, die es so gibt.

Es gibt eine Geschichte von SupaKnut aus eurem Ensemble, die darauf zurückführt, dass er der Erfinder der ganze Sache ist ...

Christoph: Behauptet er mal zumindest.

Er sei als Kind aus der Wiege auf den Kopf gefallen ...

David: Bleibende Schäden erlitten, genau.

... habe dann aber später schauspielerisches Talent an sich entdeckt und dann beim ersten Vortrag festgestellt, dass er eine fiepsige Stimme hat ...

Christoph: ... ein bisschen wie bei Stephen Terill aus der aktuellen Show.

Was mir aufgefallen ist, Steffen Terrill ist doch falsch. Es müsste doch Stephen Terrill, also Englisch ausgesprochen, heißen.

Christoph: Ja, aber da haben es Die drei Fragezeichen noch nie so genau genommen. (lacht)

David: Das ist ja auch noch eine von den frühen Folgen, die Anglifizierung des deutschen Jungsprechertums war da noch nicht so weit. Wenn man aufmerksam die Folgen von den drei Fragezeichen durchhört, findet man viele solcher wundervollen Aha-Erlebnisse.

Christoph: Manchmal heißt er Steffen, manchmal Steven oder Schdeffen. Aber beim Karpartenhund gibt es ja auch Alex Hussle, den Katzenmann, und der heißt manchmal auch Axel Hussle.

David: Auch Palindrome (Zeichenkette, die vorwärts wie rückwärts gelesen identisch ist - Anm.d.Red.sind in der Namensgebung nicht unüblich.

Du sagtest auch eben, es sei eine der ersten Folgen. Es war ja sogar die erste Folge, also zumindest das erste Buch.

David: Genau, die erste Hörspielfolge war "Die drei ??? und der Superpapagei".

50 Jahre alt mittlerweile. 20 Jahre Vollplaybacktheater.

David: Nur noch 30 Jahre aufzuholen. (lacht)

Christoph: Genau, bald haben wir sie. (lacht)

Und die Idee dazu kam jetzt wie? Die Geschichte mit Knut, die stimmt ja nicht.

Christoph: Es steht im Internet, dann muss es doch wahr sein.

David: Das glaub ich aber auch.

Das Vollplaybacktheater 2018Das Vollplaybacktheater 2018

Eigentlich schon, aber wie war es jetzt wirklich?

David: Es war tatsächlich der Superknut, das stimmt. Der Rest ist, glaube ich, in einem gewissen Nebel aus Alkohol und Erinnerungslücken verschwunden. (Christoph lacht)

Ihr habt es ausprobiert und gemerkt, dass die Leute es gut finden?

David: Das war ein Projekt für einen Theatersommer 1997, das war nur mal so eine lustige Idee. Und wir hatten drei Vorstellungen geplant, dann war das irgendwie gut. Also haben wir eine vierte gemacht und dann haben wir gedacht, das kann man aber doch öfter machen. Also haben wir in der Freizeitstätte Garath und im Kulturzentrum Hastenichtgesehen und hier und dort gespielt und dann irgendwann eine Agentur getroffen, die die erste Tour gemacht hat und dann ging das so seinen Gang – und dann haben wir 20 Jahre lang nicht mehr damit aufgehört.

Weil es eben auch richtig erfolgreich ist, und zwar durchgehend.

David: Mittlerweile ja. (Zu Christoph gewandt:) Eigentlich seit du dabei bist, nä?

Christoph: Ich sag da keinen Ton dazu.

Du bist doch von Anfang an dabei, oder?

Christoph: Seit elf Jahren jetzt.

David: Das ist der Neue.

Was war die Urbesetzung?

David: Ich bin von Anfang an dabei, der Knut ist von Anfang an dabei, Dr. Thomas, Sven und Britta im Prinzip auch ... wir sind da schon sehr konservativ (lacht), was unsere berufliche Perspektive angeht.

Seit elf Jahren spielt ihr jetzt so?

Christoph: Wir haben eigentlich immer eine Gastschauspielerin dabei. In diesem Fall Sabrina, die das aber auch schon auf der dritten Tour macht.

Wie viele Stücke habt ihr schon gemacht?

David: Keine Ahnung.

Christoph: Kann man auf Wikipedia nachzählen, 18 oder so?

David: Ich gucke selbst wirklich immer auf Wikipedia nach, da hat irgendein Fan das alles mal reingeschrieben und ich glaube, die Liste ist vollständig. Wir hatten am Anfang so ein Jahr, da haben wir in einem Jahr drei verschiedene Produktionen gemacht. Danach konnten wir uns eh alle überhaupt an gar nichts mehr erinnern, weil alles etwas viel war. (Christoph lacht) Dann haben wir zwischendurch ein Jahr gar nichts gemacht, ich habe so'n bisschen den Überblick verloren.

Aber die Folge, die ihr hier jetzt heute spielt, die habt ihr schon mal inszeniert.

Christoph: 2005 war das.

David: Genau – und das ist schon die Frage, zählt das oder nicht? Nur weil es die gleiche Hörspielfolge zugrunde hat, zählt es dann einmal oder doppelt?

Christoph: Die Leute, die die Folge damals gesehen haben und vorausgesetzt, sie können sich noch sehr, sehr gut erinnern (David lacht) an das Stück von vor dreizehn Jahren, dann würden sie trotzdem heute eine komplett andere Show sehen und das gar nicht wiedererkennen, weil das komplett neu inszeniert ist.

Ihr habt aber die Folge bewusst gewählt, das erste Buch zum Anlass eures Jubiläums?

David: Ne.

Christoph: Doch.

David: Ja.

Christoph: Ne.

Auf keinen Fall?

(alle lachen)

David: Es spielte eine Rolle, es war aber nicht die reine Zahlenmystik. Irgendwie hatten wir Bock darauf. (lacht)

Christoph: Es ist ja auch tatsächlich so, dass es aus den frühen Folgen einige gibt, die von den Leuten immer wieder gewünscht werden. Das war durchaus auch so, dass viele Leute gesagt haben, es sei echt ihre Lieblingsfolge und wissen wollten, ob wir nicht da auch nochmals Bock drauf hätten.

David: Erstmal sagen: Habt ihr da nicht mal Bock drauf? Dann sagen wir: Haben wir doch schon gemacht!

Christoph: Genau, und dann: Da war ich aber noch gar nicht dabei!

Oder: Hab ich doch schon alles wieder vergessen!

(alle lachen)

Christoph: Wir doch auch.

David: Genau, und dann können wir ja noch mal.

Christoph: Ich weiß den genauen Anlass wirklich nicht mehr. Irgendwann haben wir uns auf die Folge geeinigt, weil uns dazu auch wieder eine Menge eingefallen ist.

David: Es sind meistens so zwei oder drei Folgen im Rennen, wenn wir uns überlegen, was wir als Nächstes machen. Und dann auch immer die Überlegung, ob es wieder Die drei Fragezeichen sind oder eben ein anderes Hörspiel als Grundlage. Und irgendwann nivelliert sich das so raus und dann fangen wir eben damit an.

Und wie lange braucht ihr für die Entwicklung eines Stückes?

David: So mit komplett, mal die Aussuchphase weggelassen, dann sind es so ungefähr vier Monate Arbeit.

Vier Monate für ein gewisses Gerüst und die Auswahl der Samples, das heißt ja aber noch nicht, dass ihr es könnt ...

David: Doch, doch.

Christoph: Es ist eigentlich immer so, dass wir eine Grundkonzeption haben und dann überlegen, welcher Handlungsstrang könnte noch dazu kommen. Das wird dann meistens auf Tour, nachts bei einem Bierchen durchgesprochen. Und wenn das soweit ist, fangen wir eigentlich danach einfach an, zu proben. Wir nehmen das Stück, lassen es einfach mal laufen und überlegen uns dezidiert, was uns dazu einfällt. Wer hat irgendwas im Kopf dazu ... und dann schneiden wir das rein und probieren es aus.

David: Und dann schmeißen wir alles, was wir uns vorher überlegt haben, über den Haufen und machen alles komplett neu. Wenn wir das ein paar Mal durch haben, dann ist das Stück fertig.

Das Vollplaybacktheater in AktionDas Vollplaybacktheater in Aktion

Und wie viel Improvisationsspielraum habt ihr dann noch? Wenn ihr während der Aufführung merkt, dass die ein oder andere Nummer da noch cool reinpassen würde? Beim letzten Mal hattet ihr Jan Böhmermann mit "Ich hab Polizei dabei" und generell seid ihr sehr aktuell, auch teilweise politisch.

David:
Ja, aber die sind meistens so auf der Metaebene, dass die ein Jahr nicht schlecht werden. Das sind entweder Glücksfälle oder gutes Timing während der Probephasen. Aber da kucken wir schon, dass es keine Dinger sind, bei denen nach einem Monat keiner mehr weiß, worum es ging. Oder auch, wenn es nicht eigenständig genug wäre. Die Jan-Böhmermann-Nummer, die würden wir immer bringen können, die funktioniert ja auch so als Song. Da war unsere Assoziationsebene stärker, als der Aktualitätsbezug. Trump kann man ja auch machen, weil das klar ist, dass das länger Thema ist. Ganz aktuelle Bezüge machen wir eher nicht, weil es dann aufwändiger wäre, wenn man nochmals die Tonvorlage manipulieren müsste.

Christoph: Nichtsdestotrotz ist es aber so, dass das Stück immer bis zum Ende der Tour in Bewegung bleibt. Wenn man das Gefühl hat, eine Pointe zündet nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben – und wir kriegen raus, woran es liegt –, dann schneiden wir es eben um. Das passiert auf Tour immer wieder und eigentlich auch immer bis zum letzten Tag. (lacht)

David: Plus das permanente Präzisieren des Spiels, da ist natürlich schon Spielraum. Das Geräuschetiming ist vorgegeben, aber auch dazwischen oder wo verorte ich das genau – das ist unser Spielraum, der auch erstaunlich viele Unterschiede in der Publikumsreaktion ausmacht.

Christoph: Das ist manchmal erstaunlich, weil Leute uns auch oft fragen, ob es uns nach 60 Mal spielen nicht zum Hals raus hängt. Nö, ist nicht so. Es gibt schon mal einen Abend, an dem man durchhängt, dann tragen einen die Kollegen mit. Aber letztlich macht das einfach so einen Riesenbock, weil die Leute einfach feiern, während wir da spielen. Und man hat genau dieses Momentum, dass man nach der 40. Show plötzlich merkt: Wenn ich in dem Moment aber genau da hinschaue und wenn ich dann Luft hole und nochmals die Fratze ziehe, dann funktioniert es plötzlich. Das ist irgendwie immer schön und man arbeitet permanent daran, das Ding noch besser zu machen.

David: 20 Jahre Timing.

Merkt ihr auch regionale Unterschiede?

Christoph: Natürlich. Mannheim ist die Spitze des Eisbergs.

David: Die beste Stadt der ganzen Welt.

Ich war gestern bei Helge Schneider, der sagt das auch immer. (beide lachen) Ihr seid aber wirklich oft hier, häufig mit Doppeltermin und es ist immer ausverkauft.

David: Joa, die Bude ist einfach so klein.

(beide lachen)

Christoph: Da haben wir einfach das große Glück, dass die Leute, die zu uns kommen, sehr treu sind und immer wieder kommen. Es sind viele Leute, die hinterher am Stand mit uns quatschen und uns erzählen, dass es ein fester Termin im Jahr ist, auf den man sich jedes Mal freut. Das ist super. Regionale Unterschiede gibt es auch. Sagen wir mal so: Eigentlich funktioniert das überall, was wir machen. Es gibt bestimmte Städte, die einfach so steil nach vorne gehen, dass sie herausragen. Man könnte nicht sagen, im Norden funktioniert und im Süden nicht.

Ja, das sowieso. Aber manchmal gibt es sicher Jokes, die gar nicht als solche vorgesehen waren. Wieder andere sind darauf angelegt und funktionieren nicht.

David: Ja, das ist dann aber meistens eher der Unterschied zwischen dem Publikum und uns, weniger regional bedingt. Das passiert häufig bei der Premiere, dass wir uns wundern, warum alle lachen.

Christoph: Oder wir finden es echt lustig und den Leuten muss man es eigentlich rausschneiden.

David: Wir denken dann, es sei voll der Bringer und dann hört man aber nur so zwei, drei Leute lachen und denkt sich so: Ok, ich finde den immer noch Knaller. Aber meistens nach der Premierenvorstellung kommen so die profundesten Eingriffe in das Stück. Häufig ist es so, dass dann gewisse Situationen noch ein größerer Lacher sind und man aufpassen muss, dass sich da nicht drei Pointen hintereinander tot schlagen. Man muss da etwas Zeit zwischendrin lassen.

Christoph: Damit die Leute auch wirklich mitschneiden können, was wir meinten.

David: Weil sonst die Sätze im Applaus untergehen. Klar, kann der Techniker das Band auch mal anhalten, aber eben auch nicht immer so viel.

Das heißt, ihr habt einen Techniker, der auf euch achtet. Falls du (zeige auf Christoph) dich hinlegen würdest, weil du ausrutschst ...

David: Nö, dann lacht der sich kaputt und lässt einfach laufen. Er macht in erster Linie das Licht, kann aber auch in das Band eingreifen.

Christoph: Wenn man das Stück dann mehrfach gespielt hat, weiß man auch, wann die Leute einfach Zeit zum Lachen brauchen und es Quatsch wäre, einfach weiter zu spielen. (lacht)

David: Es bringt auch nichts, da jetzt zehn Sekunden nichts reinzuschneiden, weil es in manchen Städten eben nicht so steil geht und dann stehst du da zehn Sekunden.

Christoph: Genau, und in solchen Momenten weiß der Techniker eben, dass er standardmäßig auf Stopp drückt, bis die Leute fertig gelacht haben.

Ok, für Licht und Ton habt ihr also jemanden. Wie sieht es mit den Kulissen aus?

Christoph: Das machen wir alles selbst. Da ist Thomas hauptsächlich dafür verantwortlich, also das Bühnenbild zu bauen. Dann haben wir noch eine Bühnenmalerin, das ist die Eilike, die heute hier in Mannheim am Merchandisestand steht.

David: Mit der teilen wir uns das Atelier, in dem wir proben. Sie hat dort ihr Atelier und wir proben im Nebenraum, wenn wir die drei Monate da sind.

Christoph: Genau, Britta ist für Kostüme verantwortlich, der Knut macht so Bastelarbeiten, wenn es Perücken zu basteln gibt oder gewisse Requisiten, die es einfach so nirgends zu kaufen gibt. So hat jeder seinen eigenen Aufgabenbereich, aber im Prinzip machen wir alles alleine.

David vom VPTDavid: Und hinter der Bühne sind auch immer nur wir. Also sämtliche Umzüge, schnelle Umbauten ... wir haben uns das alles so hingestellt und hingelegt, dass es vom Ablauf her passt. Wir reichen uns hier und da mal untereinander was an, aber ansonsten muss das funktionieren. Und es muss eben funktionieren, weil das Band ja weiterläuft.

Ihr seid aber alle ausgebildete Schauspieler, denn ...

David: Nö.

Christoph: Lass mal kurz überlegen und durchzählen ... keiner.

David: Einfach nur Rampensäue.

Ihr sprecht beide sehr deutlich, schon alleine deshalb hätte es mich nicht gewundert, wenn ihr zumindest eine Sprechausbildung hättet.

Christoph: Das ist nur, weil wir so erleichtert sind, dass wir mal wieder mit unserer eigenen Stimme sprechen können.

(alle lachen)

David: Ich habe tatsächlich mal eine Gesangsausbildung gemacht, aber jetzt auch nicht irgendwas tiefer abgeschlossen oder so. Da war auch ein bisschen Bühnenschulung dabei, aber da haben wir schon mit dem VPT gespielt.

Christoph: Und es ist bei allen schon so, dass wir irgendwas mit Theater zu tun haben. Wir haben alle schon andere Stücke gespielt, ich spiele schon seit ewigen Zeiten Theater, auch vor dem Vollplaybacktheater, habe auch eine Ausbildung als Theaterpädagoge gemacht. Aber eine klassische Schauspielausbildung hat tatsächlich keiner gemacht.

David: Das war auch tatsächlich nicht die Motivation, es war wirklich nur Rampensauigkeit und Bock haben.

Die Frage, ob Playbacktheater schwieriger ist, als Standardtheater könntet ihr also gar nicht beantworten?

Christoph: Natürlich können wir das beantworten, klar.

Ja, und?

David: Ja, bitte ... (zeigt auf Christoph)

Christoph: Es ist viel schwieriger, viel, viel schwieriger und eine viel größere Herausforderung! (alle lachen) Nein, es ist eigentlich was komplett anderes. Wenn jemand fragt, was wir da machen, spreche ich dann nicht von Schauspielerei. Es ist ein Vollplaybacktheater – wir zeigen was auf der Bühne und spielen ein Stück auf der Bühne. Das ist ja aber nur eine Komponente der ganzen Sache, dass wir spielen. Es hat ganz viel mit Rampensauigkeit zu tun ...

David: Entertainment.

Christoph: ... nenne es Comedy oder Komik. Damit hat es viel zu tun, wahnsinnig viel mit Timing und es hat aber auch viel mit all dem Drumherum zu tun. Also mit dem, was vorher zusammengeschnitten wurde und den Ideen, die wir hatten. Es hat viel mit Kostüm zu tun, mit Grimassen schneiden ...

David: Ja, eben. Grimassen schneiden und overacting. Also vieles, was beim Schauspiel eher verboten ist. Das unterstreicht bei uns das Comichafte und die Stereotypen der Vorlagen. Und auch diesen Erinnerungsrahmen, wir spielen ja seit 20 Jahren Kinderzimmer. Das ist dann irgendwann auch so'n bisschen niedlich anachronistisch. Wir arbeiten ja eher mit Überzeichnung, als dass es ein Schauspiel oder eine intensive Darstellung und Nachempfindung wäre.

Christoph: Es gibt immer mal wieder Momente auf der Bühne, in denen man natürlich auch mal in der Rolle sein muss, aber eben nicht nur. Wenn du nach dem direkten Unterschied fragst, dann ist es natürlich so, dass man für eine Sprechrolle auf der Bühne vorher den Text lernen muss ...

David: ... den Text musst du beim Vollplaybacktheater auch lernen, mein lieber Freund. (schaut ihn gespielt ernst an und blinzelt dann grinsend in unsere Richtung)

Christoph: Ja, ich sitze ja aber nicht mit einem Textbuch da und lerne den Text auswendig.

Du hörst einfach die Kassette und kannst sie irgendwann auswendig.

Christoph: Ja, genau. Es läuft einfach, im Prinzip ist es so. Wir fangen an zu proben und wenn du es x Mal gehört hat, dann geht das irgendwann in Fleisch und Blut über.

David: Das Problem ist, anders als beim Sprechtheater, wenn du mal den nächsten Satz vergisst, dann kannst du nicht mal zwei Schritte über die Bühne machen und den wiederkommen lassen, weil dann ist es schon gelaufen. Da wird es dann unpräzise und das Timing ist eben gnadenlos.

Christoph: Es ist auch nicht nur das, was gesprochen wird. Im Prinzip bedienen wir ja jedes Geräusch, jedes Räuspern, jedes Atmen wird mitgespielt.

David, du hast eben das Überzeichnete angesprochen. Das eignet sich eigentlich sehr gut, um mal eine DVD mitzuschneiden. Habt ihr schon mal darüber nachgedacht?

Christoph: Noch nie ... (grinst)

(Kunstpause, bei der sich alle ernst anstarren)

Christoph: Ja, das fragen ganz viele Leute, weil sie es gerne mit nach Hause nehmen würden. Das kann ich auch gut nachvollziehen. Aber erstens ist es rechtlich nicht ganz einfach, weil wir so viel in die Vorlage rein schneiden und da so viele Lizenzen dran hängen. Live auf der Bühne ist die eine Sache, auf DVD zu pressen und zu verkaufen, ist wiederum eine ganz andere. Rechtlich also nicht einfach. Und dann ist es noch so, dass wir selbst das Gefühl haben, das funktioniert besser live. Wenn die Leute sich das im Saal angucken, dann ist es einfach lustiger.

Aber Unterstützung von Oliver Rohrbeck, Andreas Fröhlich und Jens Wawrczeck (Die Synchronsprecher der drei Fragezeichen - Anm.d.Red.) habt ihr grundsätzlich schon.

David: Ich sag mal so, wir zahlen ja auch ordentlich Lizenzen. (alle lachen)

Christoph: Das Label ist nicht böse darum, dass wir das machen. Klar, die verdienen da mit und unterstützen uns. Aber wie gesagt, für eine DVD-Produktion bräuchte man ja nicht nur deren OK, sondern auch noch das von vielen anderen.

Es wird also nichts geben?

Christoph: Nö.

David: Es ist aber auch nicht das übersteigerte Interesse da. Interessantes Merchandise wäre das, aber auch die Produktion wäre ja extrem aufwendig und nur abfilmen, das wäre für eine DVD auch nix.

Christoph: Mir ist es wesentlich lieber, wenn die Leute nächstes Jahr wieder in den Saal kommen und nicht, dass sie sich die DVD zu Weihnachten schenken und sich denken: Joa gut, hab' ich jetzt zu Hause.

Verstehe ich. Live ist auch immer noch was ganz anderes.

David: Total, live ist durch nichts zu ersetzen und ist doch schön, dass es Vollplayback nur live gibt. Das ist doch super. (grinst)

Hört ihr denn selbst Die drei Fragezeichen oder andere Hörspiele zum Einschlafen?

Christoph vom VPTChristoph: Ich nicht. Zum Einschlafen gab es mal eine Zeit, aber schon lange nicht mehr. Das liegt aber auch tatsächlich daran – also vor allem bei den drei Fragezeichen, TKKG oder irgendwelchen Kinderhörspielen –, dass ich mittlerweile selbst Kinder habe und das schon genug mitkriege. (lacht) Und ansonsten ist es ja auch egal, wann auch immer man die Bänder laufen lässt, man hat sofort die Nasen der Kollegen vor Augen. Man fängt innerlich immer gleich an zu arbeiten.

Das ist allerdings wirklich schlimm. Ich habe schon mehrfach Oliver Rohrbeck bei einer Record-Release-Party gesehen – sobald er seinen Mund aufmacht, kommt man sich veralbert vor. Man kriegt es einfach nicht zusammen. Wenn man bei euch war und danach die Folge hört, sieht man auch immer euren Quatsch vor dem inneren Auge.

Christoph (macht eine Siegesfaust): Yes, und genau das war unser Ziel. Ihr werdet uns nicht mehr los. (beide lachen)

Also Lieblingsfolgen oder Lieblingshörspiele, sowas habt ihr nicht?

Christoph: Ich höre relativ viel Hörbücher. Das sind aber eher Sachen, die wir nicht auf der Bühne machen würden.

David: Ich höre gerne Radiohörspiele, aber das hat dann auch wenig mit dem zu tun, was wir machen. Eugen Egner mag ich total gerne. Ein total absurder Autor und Cartoonist in der Titanic. Er macht sehr, sehr durchgeschossenes Zeug. Da ist die Vorlage schon so absurd, dass wir gar nichts mehr draufsetzen könnten. Bringt uns also nix, aber ich höre sie sehr gerne.

Die Frage zielte auf die Inspirationen ab, die ja irgendwo herkommen müssen. Man schaut ja den "Herr der Ringe" nicht nebenbei, um prägnante Stellen zu finden.

Christoph: Wir haben die natürlich alle gesehen ...

... schon klar, aber ihr studiert die Sachen nicht akribisch?

Christoph: ... nein, aber wir haben so viele Folgen von Die drei Fragezeichen gehört, auch über die Jahre ...

David: Knut hört die ja immer noch, auch beim Supagolf-Bahnenbau. (alle lachen)

Christoph: Da gibt's so viele Situationen, bei denen man auf der Bühne eine Antwort braucht und jemand von uns sofort sagen kann, welches Zitat da passen könnte.

David: Und teilweise ist es auch so, dass Aufgaben verteilt werden und dann muss eben jemand in den sauren Apfel beißen und 20 Folgen von Hanni und Nanni hören.

Christoph: Gnadenlos: Du – alle Hanni und Nannis, und du – alle Geisterjägerfolgen.

David: Das ist dann mehr oder weniger reizvoll, aber ist dann auch Arbeit. Generell ist es eher die Lust am Assoziieren, die uns antreibt und dann sucht man halt.

2015 habt ihr kurz aufgehört, weil ihr Probleme mit eurem Management hattet.

David: Wir haben vorher mal kurz aufgehört, weil wir Probleme mit unserer Inspiration hatten. Es war tatsächlich so, dass wir nach 15 Jahren gemerkt haben, dass jetzt aber harte Routine reinkommt. Also haben wir die Notbremse gezogen und gesagt, wir machen mal eine Abschiedstour. Dann hat die so Spaß gemacht, dass wir gesagt haben: Komm, wir machen noch eine.

So AC/DC-mäßig?

David: Genau. Dann waren wir irgendwie noch kein Jahr raus, haben uns zusammengesetzt und dann kam schon ...

Christoph: ... ich habe so viele Ideen, lasst uns weiter machen!

David: Ja, so. Wir hatten gesagt, Kopf frei und mal was anderes machen, wir sind raus. Zur Comeback-Tour ist dann das Management insolvent gegangen, das war dann auch ein unschöner Break. Aber da haben die Fans zum Glück und dankenswerterweise echt verschmerzt, dass auch ihre Eintrittsgelder in dieser Insolvenzmasse verschwunden sind.

Christohp: Sie haben glücklicherweise einfach verstanden, dass wir nicht diejenigen gewesen sind, die ihre Kohle eingesackt haben. Wir waren genauso auf dem Schlauch gestanden und haben alle keinen Cent gesehen.

David: Es war schon bitter, gerade zu einem Comeback, erstmal ein dreiviertel Jahr in die Tüte zu arbeiten. Alles ist weg und dann standen wir da. Wir waren uns aber sehr schnell einig, dass wir das jetzt erst recht machen. Das ist seither die dritte Tour und es sind alle wieder da. Wir sind wieder da, die Leute sind wieder da, der Spaß ist wieder da und die Ideen sind wieder da.

Gut. So, jetzt haut mal noch schnell einige Anekdoten raus. Pleiten, Pech und Pannen.

David: Wie viel Uhr hamma jetzt, 19:39? (Um Punkt 20 Uhr beginnt die Show und die beiden Herren trinken total entspannt mit uns Bierchen - Anm.d.Red.) Das ist schwierig. Da gibt es so viele. Das Schöne sind immer Technikaussetzer. Wenn der Ton mal weg ist, weil irgendwas abgestürzt ist und das Konzept ist ja klar. Ton weg und wir bewegen uns nicht mehr, wir hängen komplett vom Ton ab. Irgendwas war mal abgestürzt und das Backup wurde abgespielt und der Ton war: "Oh Mann Leute, ich hab Wochenende" und es war Sonntagabend in München – Riesenlacher. Sowas kann man natürlich nicht planen.

Obwohl wir schon überlegt haben, mal absichtlich Fehler einzubauen. Wir haben auch schon mit absichtlichen Pausen gearbeitet. Ich weiß noch, warst du das oder der Sven (schaut zu Christoph), der sich den Schweiß weggewischt hat? Er stand auf der Bühne, eingefroren ....

Sven (von hinten aus dem Off. Wir wussten bis dahin gar nicht, dass er im Raum ist): Das war ich!

David: ... weil ihm der Schweiß runter lief, hat er eine ganz verhaltene Geste gemacht und sich den Schweiß weggewischt. Riesenlacher.

Christohp: Ich hatte eine ähnliche Situation als Kommissar Reynolds, der bei uns harter Trinker und Raucher ist auf der Bühne.

David: Polizeiarbeit halt, ist ja logisch.

Christoph: Der Computer setzt aus, es wurde still und ich fror ein und war auch noch der Einzige auf der Bühne. Der Techniker rief noch: Oh, das kann länger dauern. Das war schon ein Lacher und ich stand da mit brennender Kippe und durfte mich nicht bewegen. Also hab ich ganz langsam und heimlich doch einen Zug genommen. Mit sowas kann man spielen. Solange es dann irgendwann weitergeht, finden das alle lustig.

David: Und toi toi toi, bis jetzt ging es auch immer weiter.

Christoph: Wir bereiten uns auch gegenseitig auf der Bühne immer mal wieder Scherze, die vermutlich niemand mitkriegt. Oder wenn, dann finden die Leute es charmant. Zankereien zwischen Justus und Peter, bei denen die sich gegenseitig auf den Arm hauen und es war eigentlich nicht so inszeniert.

David: Ja, weil es einfach ausgetragen werden muss.

Christoph: Gestern habe ich während des Umbaus eine Fontäne Bier ins Gesicht gekriegt, die der Knut mir entgegen gesprüht hat, weil er es lustig fand.

(David und ich lachen, Christoph nicht)

Kamst du danach als Reynolds raus? Die Leute fragen sich oft, ob du da echtes Bier trinkst.

Christoph: Heute hat er nur einen kurzen Gastauftritt, aber bei der grünen-Geist-Tour, da musste ich einige Biere trinken. 

Das VPT interpretiert Die drei ??? und der grüne GeistChristoph bei "Die drei ??? und der grüne Geist"

Boah, die Tour! Auch bekannt als die "Ich will die Perlen haben-Tour"!

David: (lacht) Stimmt, das war da der Running Gag.

Ok, um das zu klären: Du trinkst Bier auf der Bühne?

Christoph: Ja, auch nicht nur als Reynolds.

David: Auch heimlich hinter der Bühne.

Christoph: Das ist ja das Schöne, scheiß auf Stimme und so. Hört ja keiner.

David: So lange man noch einigermaßen geradeaus gehen kann, ist alles in Ordnung. Wenn Karneval aufkommt, können wir uns schön zurückhalten. Wir machen das ja schon beruflich.

Gibt es schon Pläne für weitere Stücke?

David: (gespielt entrüstet) Ja, klar.

Christoph: Wird aber noch nicht verraten. Wir sitzen gerade dran.

Ok, wir sind gespannt. Dann macht euch mal weg vom Tisch hier. Ich denke, jetzt müsst ihr wirklich raus und zack auf die Bühne.

 
Wer wissen möchte, was das Vollplaybacktheater auf der Bühne macht, kommt am besten mal selbst vorbei. Die Termine findet ihr online unter www.vpt-show.de. Und wer wissen möchte, wie der Touralltag des Vollplaybacktheaters aussieht, schaut sich am besten die Dokumentation dazu an: