Das Publikum im Mannheimer Capitol war natürlich überwiegend schwarz gekleidet und alle Typen der Szene vertreten. Von Mädels mit Corsagen über fantasievoll geschminkte Menschen mit Undercut, mittelalterliche Langhaarige, hochgewachsene Männer mit Gehröcken bis hin zu den typischen Flat Top Trägern war alles dabei. Insgesamt ist die Szene sehr ästhetisch orientiert und das Publikum gab insgesamt ein schönes, stimmungsvolles Bild ab, welches viel zu individuell war, um hier jeden einzelnen Style zu beschreiben. Ungefähr 500 bis 800 Leute waren anwesend (kann man immer schwer abschätzen...), trotzdem herrschte eine ruhige, entspannte Atmosphäre. ASP hatten überall Poster mit einer Karikatur von Alexander „Asp" Spreng aufgehängt, auf denen die Fans gebeten wurden, nicht zu filmen, da sie schon live dabei seien. Eine gute Aktion, denn die Handy-Dauerfilmer nerven echt. Nichts gegen Leute, die mal ein Foto machen oder einen Song mitfilmen, aber bitte nicht vergessen, dass man beim Konzert ist und sich auch als Publikum etwas einbringen sollte.Den Support für ASP spielten ALLY THE FIDDLE, eine deutsche Folk Rock Instrumentalband, in deren Mittelpunkt die angekündigte Ally Storch mit ihrer Geige steht. Markant sind bei ALLY THE FIDDLE, neben dem Geigenspiel, die fast knielangen Haare der Fiedlerin, welche gerne mal im Takt der rockigen Musik zu fliegen begannen. ALLY THE FIDDLE erinnern im entfernten Sinne an KORPIKLAANI, nur ohne Gesang und ohne Saufen. Der Geiger DAVID GARRETT versuchte sich auch bereits an seiner ganz persönlichen Version von „Master Of Puppets", mischte also Geige mit harten Klängen. Während ich DAVID GARRETT dafür gerne mal im Mondschein begegnen würde, haben ALLY THE FIDDLE ihre eigenen, guten Songs gemacht und spielen ihre rockigen Stücke zu 90 Prozent ohne Gesang.
Die Mischung aus Geige und harten Klängen schien gut anzukommen. Das Mannheimer Capitol war schon so gut wie voll, als die Band loslegte, und empfing die Musiker mit offenen Armen. Auch die Ansagen der Frontfrau waren sympathisch und locker. Die Tatsache, dass ihr während des Konzerts eine Saite riss, nahm sie sichtbar gelassen und hatte auch keine Scheu, den Song dafür zu unterbrechen und die Pause mit kleinen Scherzen zu überbrücken. Wobei ich nicht sehen konnte, dass sie eine neue Saite aufspannte. Sollte sie mit weniger Saiten weitergespielt haben, dann spricht das natürlich noch mehr für ihr Geigenspiel. Die Band konnte die Spielfreude problemlos auf das Publikum übertragen und hat einen sehr ordentlichen Support gespielt. Das letzte Stück war mit Gesang, und Ally bewies, dass sie neben dem Geigen auch noch glockenklar singen kann. Allerdings handelte es sich um einen ruhigen, gediegenen Song, ein Cover von „The Last Of The Great Whales" , und mir persönlich fehlte eher bei den schnelleren Songs der Gesang, um mich komplett mitreißen zu lassen.
ASP: Gegen 21 Uhr ertönten die ersten Klänge von "A Prayer For Sanctuary", dem ersten Song von „Fremd". Es lag auf der Hand, diesen Song als Intro zu nehmen, da er sich langsam steigert und in ein rockiges Outro gipfelt, so war also der Einstieg schon mal sehr stimmungsvoll und perfekt. Die Freude war entsprechend groß, als Alexander „Asp" Spreng selbst die Bühne enterte. Der Mann ist einfach eine imposante Erscheinung, ein fast zwei Meter großer, schwarzer Fels und auf der Bühne sehr extrovertiert. Entsprechend der Songfolge von „Fremd" ging es gleich über in den „Wechselbalg". Ein Song, der live gut rüberkommt, allerdings schien das Publikum noch nicht warm genug oder noch zu erschlagen von der enormen Präsenz von Alexander „Asp" Spreng, denn so richtig mitgesungen wurde noch nicht. Danach beglückten ASP die Fans mit einigen alten Songs wie „Coming Home", welche die Menge dann schon eher auf Betriebstemperatur warmlaufen ließen. Ich habe die Band zum ersten Mal gesehen und muss sagen, dass sie live noch mitreißender sind, als ich es mir vorstellen konnte. Asp ist extrem darum bemüht, seinen Fans so nah zu sein, wie es nur geht, er nimmt seine Präsentation der Songs sehr ernst. Man merkt deutlich, dass ASP sein Leben sind und er einen großen Teil seiner Seele auf der Bühne zeigt. Ein beeindruckender, ehrlicher Künstler.
(Allerdings musste ich lernen, das „schwarze" Konzerte für Fotografen - die gerade anfangen, so wie ich... - der Teufel sind. Auch wenn Asp sehr entgegenkommend war und zahlreiche Posen geboten hat, es war kaum möglich, ein richtig gutes Foto zu machen.)Der Abend mit ASP hat außerdem auch wieder deutlich gemacht, dass die schwarze Szene unterschätzt und falsch bewertet wird. Wer die dunkle Meute gestern in das Capitol strömen sah und keine Ahnung von der Szene hat, dachte sicher, dass im Inneren eine „böse, schwarze Messe" mit viel Satan und garstigen Worten stattfand und währenddessen natürlich nicht gelacht oder gar gefeiert wurde. Komplett falsch: Denn es war eine große Party und selten verhält sich ein Künstler so respektvoll gegenüber dem Publikum. Asp schien sichtlich beeindruckt von den Fanmassen, die ASP spätestens nach fünf Songs frenetisch abfeierten. Mitsingspielchen wurden ebenso willig mitgemacht und Zwischenrufe wie „Du geile Sau" standen ebenso auf dem Plan. Im Gegenzug dafür bedankte er sich aufrichtig in alle Richtungen und war auch sonst ständig in Bewegung, um mit jeder Ecke des Publikums in Kontakt zu kommen.
Den Höhepunkt erreichte das Konzert bei den tanzbaren Klassikern „Kokon" und „Schwarzes Blut". Diese Kombi brachte den kompletten Saal in Bewegung und auch die oberen Ränge feierten hemmunglos mit. Aus voller Inbrunst und aus tiefstem Herzen schrie das Publikum die markanten Worte „Vorwärts, abwärts!" in Richtung Band. Ein magischer Konzertmoment. Die Verbindung von elektronisch-tanzbaren Klängen und rockigen Elementen ist die unschlagbare Stärke von ASP. Auch Songs wie „FremdKörperson", vom neuen Album, sind live mitreißend und bringen die Menge in Bewegung.ASP haben ein gutes Gespür für den Aufbau einer Setlist und wechselten immer zwischen tanzbaren, schnellen, lauten Songs und ruhigen, bewegenden, leisen Tönen. Klassiker wie „Me", „Und wir tanzten", „Krabat", „Sing Child", „Schwarzer Schmetterling" und „Ich bin ein wahrer Satan" wurden genauso gespielt wie neue Lieder von „Fremd". Auch wenn oft Stimmen laut werden, dass der Weggang von Matthias „Matze" Ambré die Band verändert hätte, die alten und die neuen Songs waren komplett aus einem Guss.
Ally von ALLY THE FIDDLE war natürlich als begnadete Geigerin ein Traumsupport für die Band. Ich weiß nicht, ob die Geige sonst vom Band kommt, aber Ally durfte auf jeden Fall nochmals ran. Nachdem das Publikum die Künstlerin mit entsprechendem Rufen wieder auf die Bühne lockte, durfte diese noch einige Songs live bereichern. Und steigerte „die Schönheit auf der Bühne um 200 Prozent" (laut Aussage von Asp). Gerade bei „Unverwandt" zauberte mir die Geigerin dicke Gänsehaut und bestätigte damit die dringende Notwendigkeit von Gesang gepaart mit ihrem Spiel. Das Gastspiel gipfelte dann in „Werben", welches die Geigerin geschickt noch etwas hinauszögerte, da sie die Töne erst nur „ankitzelte", bevor sie sie komplett ausspielte. „Werben" war ebenfalls ein Highlight des Konzerts, viele schienen auf diesen Song gewartet zu haben und riefen die Textzeilen „..Ich ist tot, es lebe Wir!" mit ausgestreckten Armen in Richtung Bühne.
Beim Song „Rücken an Rücken" musste dann wieder das Publikum ran. Asp bat es, sich mit dem Rücken zur Bühne zu drehen, er würde auf der Bühne das Gleiche tun. Alle schienen vollkommenes Vertrauen zu haben und drehten sich brav und ohne Ausnahme um, ebenso die oberen Ränge. Damit es noch irgendeine Art von Verbindung gab, wurde der Fan Nina aus dem Publikum geholt. Diese hatte wiederum die Ehre, Rücken an Rücken direkt mit Asp stehen zu dürfen, während dieser sang und sie an den Händen hielt. Allerdings warnte er sie vorher vor: „... der Sound auf der Bühne ist grauenvoll und du wirst nichts von dem Song haben, aber dafür darfst du mit mir Rücken an Rücken stehen". Nina war natürlich einverstanden und hatte so ein besonderes Konzerterlebnis. Bei der Textzeile „Dreh dich bitte um" folgte das Publikum der Aufforderung. Ich muss sagen, es war ein seltsames, aber irgendwie auch gutes Gefühl, die Musik live zu hören und ohne optische Eindrücke auf sich wirken lassen zu können. Zumal es ja zu dem Song und dem Text sehr gut passte.
Während CANNIBAL CORPSE mit dem Fluch leben müssen, dass schon nach dem ersten Song die „Hammer Smashed Face"-Bitten ertönen, haftet ASP das Gespenst „Ich will brennen" an. Im letzten Drittel nahm die Ungeduld zu und ständige „Ich will brennen"-Rufe drangen auf die Bühne. Allerdings machte Asp klar, dass die Band das Lied genauso gerne mag und gab unter stürmendem Beifall das Feuer frei bzw. den Song als letztes Stück zum Besten. „Ich will brennen" war also der krönende Abschluss, bei dem sich jeder nochmals die Seele aus dem Leib schreien und wild abzappeln konnte.
Nach dem Konzert, gegen 23:45 Uhr (!), konnte man draußen noch einigen Gesprächen entnehmen, dass es wohl auch für Wiederholungstäter ein besonderes Erlebnis gewesen sein muss. Durchweg positive Stimmen waren zu hören, bis auf eine: „...und der singt doch wie Sponge Bob" hörte ich einen Mann zu seiner Freundin sagen, welche lautstark protestierte. Kann ich nicht bestätigen: Asp singt live absolut grandios und kommt bei mir noch besser an, als auf Platte.
02.03.2012 - Im Capitol Mannheim trug man schwarz an diesem Abend, aber nicht vor Trauer, eher vor Freude. Viele Liebhaber der schwarzen Szene hatten sich aufgemacht, um ASP live erleben zu dürfen. Die Band befindet sich momentan auf dem zweiten Teil der „Fremd-Tour", an den sie nahtlos mit der „GeistErfahrerTour" anschließt. Ende letzten Jahres haben ASP die Scheibe „Fremd" veröffentlicht und damit offiziell den Zyklus des schwarzen Schmetterlings abgeschlossen, um ein neues Kapitel für eine neue Geschichte zu öffnen.
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