07.11.2024 – Vier Bands nacheinander an einem Donnerstagabend? Ich gebe zu, dass solche Monster-Packages mit dreifachem Bühnenumbau und verkürzten Spielzeiten mir im Vorfeld nicht unbedingt Juchzer der Begeisterung entlocken. Doch am Ende geht alles flott voran und das Ganze entpuppt sich als kurzweilige und hochkarätig besetzte Veranstaltung.
HIRAES
„Fühlt sich nicht an wie 'ne Supportband!“, ruft Britta Görtz schon nach zwei Songs begeistert in die Menge – und in der Tat werden HIRAES vom Münchner Publikum mit offenen Armen empfangen. Eine knappe halbe Stunde steht den Osnabrücker Melodic Deathern als Opening-Act zur Verfügung, und diese wissen sie bestmöglich zu nutzen.
Dass Britta, die auch erfolgreich als Vocal- und Shoutcoach tätig ist, längst zu den beliebtesten Rampensäuen des Genres gehört, wird heute mehr als offensichtlich. Sie hat eine mitreißende Bühnenpräsenz und growlt und screamt sich gekonnt durch die fünf hochmelodischen, intensiven Songs (vier davon vom erfolgreichen 2024er Output „Dormant“). Dazu kommuniziert Britta extrem locker und sympathisch mit den Fans und taucht zwischendurch plötzlich unten in der Menge auf, um vom Mischpult aus zu singen. Nicht nur Freunde von ARCH ENEMY und alten IN FLAMES kommen voll auf ihre Kosten.
Ein halbes Jahr zuvor haben HIRAES noch im Vorprogramm der Tschechen DYMYTRY im Club nebenan vor 250 Besuchern gespielt, jetzt bringen sie das 1.500 Zuschauer fassende Backstage Werk zum Ausklinken. Meine Prognose: Schon bald machen HIRAES den Laden hier in Eigenregie voll. Kurzer, aber bärenstarker Auftritt!
Setlist HIRAES
„Through the Storm“ / „About Lies“ / „Under Fire“ / „We Owe No One“ / „Undercurrent“
WOLFHEART
Danach wird das Licht gedimmt und WOLFHEART ballern ihren frostigen „Winter Metal“ in die Manege. Abgesehen von Bassist Lauri Silvonen, der den Großteil der Ansagen übernimmt, scheint der Rest der Finnen-Bande zum Lachen in den Keller zu gehen und zieht das Ding mit nach unten gezogenen Mundwinkeln durch. Passt zum düster-martialischen Image und hebt das Quartett merklich von den gutgelaunten Kollegen der anderen Combos ab.
Sieben Scheiben haben WOLFHEART seit 2013 veröffentlicht, die Musik ist episch, dunkel, melancholisch und heftig – eine in meinen Ohren gelungene Mischung aus nordischem Death und Black Metal. Bandkopf und Kerry King-Lookalike Tuomas Saukkonen (v./git.) sowie sein Gegenpart an der Gitarre, Vagelis Karzis, geben ein beeindruckendes Bild ab. Beide tragen solche Muskelmassen durch die Gegend, dass sie im Falle einer Panne den Tourbus wahrscheinlich eigenhändig zum nächsten Auftrittsort schieben könnten. Auch WOLFHEART dürfen sich über tolle Publikumsreaktionen freuen. Daher: Mundwinkel nach oben!
Setlist WOLFHEART
„Strength and Valor“ / „Zero Gravity“ / „Burning Sky“ / „The Hunt“ / „Evenfall“ / „The King“ / „Grave“
MOONSPELL
Musikalisch sind MOONSPELL die Exoten in diesem Billing. Mit dem Tanzflächenfeger „Opium“ aus dem Jahr 1996 hauen die Portugiesen gleich zu Beginn ihren wohl bekanntesten Song raus. Danach folgen acht weitere Stücke, irgendwo zwischen flottem Dark und Gothic Metal, die auch vor diesem Publikum recht gut zu funktionieren scheinen – zumindest ist kein erkennbarer Stimmungsabfall festzustellen.
Das mag aber auch an der Ausstrahlung von Sänger und Bandgründer Fernando Ribeiro liegen, der definitiv eine Persönlichkeit in der Metal–Szene darstellt und jede Sekunde auf der Bühne genießt. Auch wenn mich der Auftritt leider nicht motivieren kann, mich eingehender mit ihrem Backkatalog zu befassen, haben sich MOONSPELL den lautstarken Applaus am Ende des Sets mehr als verdient.
Setlist MOONSPELL
„Opium“ / „Awake!“ / „Love Crimes“ / „Extinct“ / „Night Eternal“ / „Finisterra“ / „Everything Invaded“ / „Breathe (Until We Are No More)“ / „Alma Mater“ / „Full Moon Madness“
DARK TRANQUILLITY
13 Alben haben DARK TRANQUILLITY mittlerweile veröffentlicht. Die laufende „Endtime Signals“-Europatour umfasst 24 Auftritte innerhalb eines Monats, da bleibt kaum Zeit zum Verschnaufen – vor allem nicht für Bandkopf Mikael Stanne, bei dem ich mich schon lange frage, wie er die dauernde stimmliche Belastung seit fast 35 Jahren unbeschadet wegsteckt. Schließlich ist der 50-Jährige auch mit THE HALO EFFECT überaus erfolgreich und zudem bei CEMETERY SKYLINE und GRAND CADAVER am Mikro aktiv. Sei's drum, Mikael singt, growlt und keift nach wie vor, als gäb's kein Morgen.
Mit Peter Lyse Hansen und Johan Reinholdz an den Gitarren sowie Christian Jansson (Bass) und Joakim Strandberg-Nilsson (Drums) hat das letzte verbliebene Ur-Mitglied von DARK TRANQUILLITY eine homogene und spieltechnisch starke Mannschaft um sich geschart. Aus der Vielzahl von Publikumsfavoriten die perfekte Setlist zusammenzustellen, dürfte mittlerweile ein Ding der Unmöglichkeit sein.
18 Songs brettern DARK TRANQUILLITY im Backstage Werk runter, von denen immerhin sechs vom aktuellen Album stammen. Die Lightshow wirkt passend unterkühlt, oftmals werden die Musiker nur von hinten angestrahlt. Meine persönlichen Highlights stellen „Atoma“, „Final Resistance“ und „The Wonders at Your Feet“ dar – zudem natürlich „Misery's Crown“, das nach rund 80 Minuten vom durchgeschwitzten Publikum nochmal begeistert mitgesungen und abgefeiert wird.
Die Ansagen sind übrigens während des gesamten Auftritts eher knapp gehalten, dafür geht auf nonverbaler Ebene einiges zwischen DARK TRANQUILLITY und ihren Fans. Vor allem Mikael ist die Freude über die hervorragende Stimmung deutlich anzusehen, zwischen seinen Textpassagen lächelt er beinahe unentwegt. Und als er in Denkerpose stumm eine Weile am Bühnenrand verharrt, um die Energie und die Zuneigung, die ihm entgegenschlagen, mit jeder Faser in sich aufzunehmen, ist das ein wunderschöner Moment für die Ewigkeit.
Setlist DARK TRANQUILLITY
„The Last Imagination“ / „Nothing to No One“ / „Wayward Eyes“ / „Unforgivable“ / „Hours Passed in Exile“ / „The Dark Unbroken“ / „Final Resistance“ / „Cathode Ray Sunshine“ / „Atoma“ / „Shivers and Voids“ / „Not Nothing“ / „Empty Me“ / „Our Disconnect“ / „Phantom Days“ / „ThereIn“ / „The Wonders at Your Feet“ / „Lost to Apathy“ / „Misery's Crown“