Geschrieben von Sonntag, 26 November 2006 15:48

Born To Lose, Daily Reason, Chuck Damage, Heartbreak Stereo, Straight Corner & Die Realität - Dülmen


Review


Link: http://www.borntoloserocks.com/
http://www.cityrat.de/
http://www.daily-reason.de/
http://www.straightcorner.de/
http://www.heartbreakstereo.com/
20.10.06 - Und wieder einmal hat sich das kleine Plattenlabel Cityrat-Records entschieden, eine Band auf Europatour zu schicken. Beim letzten Mal waren es die HUDSON FALCONS aus New Jersey und diesmal eben BORN TO LOSE aus Texas. Aber keine Sorge, das machte sie kein bisschen unsympathisch…
So kurz vor Ende der Tour stand Dülmen auf dem Fahrplan der Band – sozusagen ein Heimspiel, da Cityrat eben aus Dülmen kommt. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, verband man die ganze Veranstaltung noch mit dem vierten Geburtstag des Labels und der Release-Show für das neueste Pferd im Stall, welches auf den Namen DAILY REASON hört und dieser Tage das Debüt-Album „Throwing Coins“ veröffentlicht. Angereichert mit den Bands DIE REALITÄT, STRAIGHT CORNER, HEARTBREAK STEREO und CHUCK DAMAGE versprach das ganze ein äußerst unterhaltsamer Abend zu werden. Und so kam es dann auch.
Da die Nachbarn des Austragungsortes sich gerne über die Lautstärke beschweren, musste die ganze Chose ziemlich früh vorbei sein und dadurch eben auch sehr früh beginnen. Das hieß also direkt von der Arbeit zum Konzert, da ab halb sieben bereits mit der ersten Band gerechnet werden konnte. Und ungefähr zu dieser Zeit traten dann auch DIE REALITÄT auf. Die Band war noch sehr jung und übte sich noch bei den ersten Schritten ins Rampenlicht. Was eignet sich dann besser als Deutschpunk? Eben. Die Beherrschung der Instrumente und das Zusammenspiel waren noch sehr ausbaufähig und man sah der Band die mangelnde Erfahrung an. Der Sänger allerdings schien voll in seinem Element und schrie sich die Kehle aus dem Leib, rutschte über die Bühne, schnappte sich ab und zu eine Gitarre und beschimpfte szenegerecht Nazis, den Staat und Spießer. Zum Abschluss wurde dann noch ein Sauflied von BETONTOD gecovert. Auch wenn das Dargebotene qualitativ noch eine Unmenge an Luft nach oben hatte, ist es doch schön zu sehen gewesen, dass sich die Jungs bemühten, eine Band auf die Reihe zu kriegen. Irgendwie fängt ja jeder mal an und immer noch besser als sich dem Diktat der Charts zu beugen – aus einigen Deutschpunkbands wird ja später noch was richtig Gutes.
Danach waren die Finnen von HEARTBREAK STEREO an der Reihe, welche sich zu dritt anschickten, RANCID zu beerben (auch wenn ihr Merchman das später bei einigen Bierchen bestreiten sollte). Die Stimmen der auch grade erst volljährigen Band waren teilweise schön dreckig und die flotten Drei-Akkorde-Songs in drei Minuten verfehlten ihr Ziel nicht. Auch wenn aufgrund des noch frühen Abends die Neue Spinnerei noch nicht übermäßig gefüllt war, konnten die Finnen begeistern. Sie selber waren zwar mit ihrer Position im Billing nicht unbedingt zufrieden, aber dafür boten sie doch eine ganz nette Show. Und meiner Meinung war der RANCID-Vergleich mehr als berechtigt. Selbst die cleanen Gitarrenparts klangen nach den Amis und die Singalongs sprachen da auch eine eindeutig Sprache. Gegen Ende des Sets ist dem Basser dann der Gitarrengurt gerissen und einer der BORN TO LOSE-Jungs eilte sofort herbei, um ihm während des kompletten Liedes den Bass so vor den Bauch zu halten, dass er weiterspielen konnte, wobei sich keiner von beiden das Lachen verkneifen konnte. Im Nachhinein bleibt noch zu sagen, dass der Drummer ganz schön auf unserem Dachboden geschnarcht hat und wir noch nie eine Band gesehen bzw. gerochen haben, die über einen so unglaublichen Schweißfuß-Geruch verfügt wie die Schweden. Unser Wohnzimmer hätte man beinahe chemisch reinigen müssen. Aber wer am kompletten Tourwochenende nicht einmal die Socken wechselt…
Nach den Finnen trat Dülmens Eigengewächs CHUCK DAMAGE auf, die einen absoluten Killer-Gig hinlegten. Der Vierer überzeugte mich vollkommen mit seinem extrem schnellen Thrash-Hardcore. Trotz einiger Blastbeats wurde hier kein Bein in die Metal-Tür gestellt – nicht mal ein kleiner Zeh. Trotzdem waren sie unglaublich druckvoll und die wenigen, immer noch ziemlich schnellen Midtempoparts verliehen den Songs einen Druck, den ich auf früheren Konzerten von ihnen manchmal vermisst habe. Ich habe sie aber auch noch nie so „tight“ gesehen, wie man heute ja so sagt. Heute passte bei ihnen alles. Sänger Basti sprang wie eine mit Säure verätze Wüstenspringmaus vor der Bühne rum und spuckte Gift und Galle. Wenn normalerweise die Musiker, die vor der Bühne stehen, befürchten, vom pogenden Publikum umgehauen zu werden, dann verhielt es sich diesmal andersherum. Während der meist so um die 60-90 Sekunden andauernden Songs musste das Publikum mehr darauf achten, nicht vom Sänger erwischt zu werden. Dass die Jungs aber auch Humor haben, bewiesen sie unter anderem mit einem in einen Song eingebauten Star Wars-Zitat und der ziemlich rotzigen Coverversion von „Opelgang“. Das hier so eine gewisse Düsseldorfer Saufpunkband gecovert wird, haben wohl die wenigsten vermutet. Wie gesagt, sehr geiler Gig!
Den Anfang von STRAIGHT CORNER habe ich leider verpasst, da ich den DAILY REASON-Leuten erstmal das Kickern beibringen musste – na OK, ich hab halt nur Menschen gefunden, die dabei noch schlechter waren als ich selbst. Den Teil, den ich aber vom Set gesehen habe, zeigte die Band aus Neuwied (die zuerst nach Lünen anstatt nach Dülmen gefahren ist – sie waren ja auch erst drei bis viermal hier, haha) aber in Bestform. Rock N Ralf, seines Zeichens Sänger und Tollenträger, spielte mit freiem Oberkörper und hüpfte auf der Bühne auf und ab, während der Rest der Band schnellen Punkrock à la PENNYWISE bot. Da sie, wie bereits erwähnt, nicht zum ersten Mal in Dülmen gastierten, war das für viele beteiligte ein gelungenes Wiedersehen, wobei ich wie nun mal nicht alles mitbekommen habe. Aber die Band mit den beiden Greasern ging ab wie immer und wurde dafür auch höflich beklatscht.
So langsam wurde es auch voller im Laden (insgesamt waren mit Bands und Publikum etwas mehr als 200 Leute im Saal, was im Vergleich zu den vergangenen Cityrat-Geburtstagspartys ein wenig mager war) und das nächste Dülmener Eigengewächs DAILY REASON betrat die Bühne. Die vier hatten ihr brandneues Album im Gepäck, welches jetzt seit kurzem in auch in Zusammenarbeit mit CityRat erschienen ist, und haben somit den Gig gleich als Record-Release-Show genutzt. Und wie immer haben die Jungs auch richtig Gas gegeben. Leider zählt ja der Prophet im eigenen Land oftmals nicht sehr viel, und so waren auch die Reaktionen des Publikums nicht ansatzweise im Einklang mit der dargebotenen Qualität der Band. Aber der relativ vielschichtige Sound zwischen Emo/Screamo und Punk überfordert vermutlich auch einfach einige der Kids, für die bereits die grottigsten Deutschpunk-Kapellen das Maximum an Musikalität darstellen. Aber leider muss ich auch gestehen, das DR immer noch etwas in Sachen „Große Melodie“ hinterher hinken. Musikalisch werden viele Haken geschlagen und eine Vielzahl von Ideen gekonnt miteinander verbunden, aber die fesselnden Gesangsmelodien sind noch nicht da. Aber sie arbeiten ja ziemlich kontinuierlich daran. Was mich total geärgert hat, waren die Kiddies, die mit Oldschoolhardcore-Shirts rumliefen, vermutlich noch bei Mami wohnen, vor einem Jahr wahrscheinlich noch die größten Nietenkaiser samt Alkoholvergiftung waren, und nun als Neu-Straight-Edger ihren Alkoholdurst durch ein übersteigertes Geltungsbedürfnis ausgleichen. Wenn sie unbedingt im Mittelpunkt stehen wollen, sollen sie doch auch ne Band gründen. Spätestens, als sie bei DAILY REASON Taschentücher rausholten, war klar, wie kleingeistig die Blagen sind. Denn weinerlicher Emo ist das nun wirklich nicht. Naja, aber Toleranz ist ja eh Glückssache…
Zum Abschluss des Abends spielten dann noch die Headliner BORN TO LOSE aus Texas. Ähnlich originell wie ihr Name ist auch ihre Musik, aber dafür machen sie es genau so, wie es sein sollte. Auch wenn es immer wieder die gleichen Akkorde und Strukturen waren, hatten die fünf einen unheimlichen Drive und jede menge Wucht auf ihrer Seite. Und da große Teile des Dülmener Publikums musikalisch eher auf einfachere und weniger komplizierte Musik stehen, waren BORN TO LOSE die absolute Krönung des Abends. Die schnellen Punkrock-Songs, die irgendwo zwischen den Inhalten „Saufen, Verlieren, wieder aufstehen und weiter Saufen“ pendeln, waren sehr gut gespielt und versetzten das Publikum in Bestlaune. Außerdem haben wir festgestellt, das man auch ohne die Band zu kennen wunderbar mitsingen kann. Ein „Oho“ passt immer – wie bei ANTI-FLAG. Dazu erwiesen sich die Texaner trotz ihrer Herkunft auch als ziemliche Sympathen. Und trotz eines ziemlich gemischten Programms zwischen Streetpunk, Punkrock, Thrash-Core, Screamo und Deutschpunk, schien BTL alle Anwesenden unter einen Hut zu kriegen. Aber das ist ja auch kein Wunder, da ihre Musik schnell, direkt, gut gelaunt und gut gespielt war. Und spätestens nach ein paar Hefeteilchen musste man einfach das ein oder andere „Ohoho“ mitsingen!
Alles in allem also ein runder Abend, der danach noch den obligatorischen Weg in die Kneipe nahm, wo Musiker und Konsumenten zusammen versackten…