Christopher Dawes: Rat Scabies und der Heilige Gral





Label/Vertrieb (VÖ): Verlag Seeling (Mai 2008)
Wenn sich ein ehemaliger Musikjournalist und der Drummer einer Punkband in einem englischen Dorf gegenüber wohnen und anfreunden, kann man fast schon erwarten, dass einige lustige Geschichten dabei heraus kommen. Autor Christopher Dawes und Rat Scabies, der von 1976 bis 1996 Schlagzeuger von THE DAMNED war, erleben in „Rat Scabies und der Heilige Gral“ haarsträubendere Geschichten, als man gedacht hätte.

Alles beginnt damit, dass Scabies seinen Kumpel und Nachbarn Dawes (bei dem er übrigens eine Bassdrum als Tisch und einen Marshall-Turm im Wohnzimmer bunkert) von einem Priester des französischen Dorfes Rennes-le-Château berichtet, der Ende des 19. Jahrhunderts plötzlich unheimlich reich wurde, was mit dem Fund eines großen Schatzes oder des Heiligen Grals in Verbindung gebracht wurde (auch wenn nach wie vor niemand genau sagen kann, worum es sich bei dem Gral nun überhaupt handelt). Scabies, charakterisiert als eine verrückte, aber äußerst charmante Person, die Dan Browns Bestseller „Sakrileg“ als Unterlage für das Drehen von Joints benutzt, ist von diesem Mythos bereits vollständig gefangen und zieht nun auch Dawes in diverse Theorien und Mutmaßungen hinein – auch, wenn dieser sich zuerst nur widerwillig mit der Materie beschäftigt und zwischendurch sogar gehörig die Schnauze voll hat. Es dauert nicht lange, und beide fahren tatsächlich in das kleine, französische Dorf, um mit Freunden und Bekannten verschiedenen Hinweisen nachzugehen und Orte zu besichtigen. Später verschlägt es die beiden sogar auf einen Kurztrip nach Schottland.

Auf den Reisen der beiden Freunde lernt der Leser viele lustige, exzentrische und schräge Personen kennen (vor allem während der Busfahrt mit anderen Grals-Fanatikern), die von Scabies’ Eltern über deutsche Einwanderer in Renne-la-Château bis hin zu berühmten Autoren verschiedener Grals-Bücher reichen. Auch die Tempelritter und die Prieurs de Sion spielen eine Rolle.
Egal, ob es sich um eine Heuschreckenplage in den Gärten ihres englischen Heimatortes Brentford (von der komischerweise alle außer dem Urheber, nämlich Scabies selbst, betroffen sind...), der Reise durch französische Ländereien in einem nach Käse stinkenden Transporter oder heimlich tuschelnde Österreicher bei einer Tempelritter-Zeremonie handelt: Dawes und Scabies erleben viele amüsante, aber auch unerklärliche und unheimliche Dinge. Dazu gehört die Sichtung von Geisterpferden und andere Phänomene, und einmal schlittern die Protagonisten sogar haarscharf an einem folgenschweren Unfall vorbei.

Dawes rollt in seinem Buch die Gralsgeschichte eher rudimentär auf, sie stellt eher einen (gelungenen) Rahmen für die Abenteuer dar. So gleicht „Rat Scabies und der Heilige Gral“ eher einer sehr unterhaltsamen, augenzwinkernden Reisebetrachtung, aber wer ernsthaft erwartet hat, eine neue Veröffentlichung mit Details zu Renne-le-Château oder der Gralsgeschichte zu lesen, ist auch mit falschen Erwartungen an dieses Buch herangegangen. Trotzdem stellt Dawes einige sehr interessante historische Fakten zusammen, und an einigen Stellen fiebert und rätselt der Leser doch mit und denkt über übernatürliche Phänomene nach und die verschiedenen Ansichten der Forschung nach.

„Rat Scabies und der Heilige Gral“ ist eine unterhaltsame und kurzweilige Lektüre, die dem Leser die Person Rat Scabies ein wenig näher bringt und generell detaillierte Portraits der im Buch vorkommenden Personen zeichnet. Auch, wenn zum Thema Heiliger Gral keine neuen Details gelüftet werden, bekommt man durch die Lektüre doch Lust, sich etwas mehr mit dem Thema auseinander zu setzen und entwickelt viel Sympathie für die Beteiligten – und etwas Mitleid für den Autor selbst, der von Scabies ein ums andere Mal überredet wird, ihm in lustige und seltsame Geschichten zu folgen...