36 Crazyfists - Time And Trauma Tipp

36 Crazyfists - Time And Trauma
    New Wave Of American Heavy Metal / Metalcore

    Label: Spinefarm / Universal
    VÖ: 20.02.2015
    Bewertung:8/10

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36 CRAZYFISTS sind für mich eine Band, die schon immer positiv aus dem riesigen, seelenlosen Haufen an Einheits-Metalcore-Bands herausstach. Einer der Hauptgründe hierfür ist definitiv Brock Lindows beeindruckende Bandbreite an Gesangstechniken und besonders die prägnante Art, wie er singt. Hinzu kommt das Herkunftsland Alaska, welches sich durch seine beeindruckende, aber absolut gegensätzliche Natur immer wieder in der Musik der Band widerspiegelt. Ich habe nie verstanden, warum den 36 CRAZYFISTS nie ein wirklicher Durchbruch gelungen ist und finde, dass die Band absolut unterschätzt wird.

Durch die fast fünfjährige Pause und die Tatsache, dass Fronter Lindow eine eigene Sportsbar (Crossbar) in Anchorage eröffnet hat, hatte ich die Hoffnung schon fast aufgegeben, noch einmal etwas von den Jungs zu hören. Doch glücklicherweise melden sie sich jetzt mit neuem Management, neuer Plattenfirma (Spinefarm) und ihrem mittlerweile siebten Release "Time And Trauma" fulminant zurück.

Auf dem düsteren Cover des Albums befindet sich eine gesichtslose, weibliche Steinskulptur mit angedeuteten Engelsflügeln und Heiligenschein, die mit einigen Rissen durchzogen ist, und in der hinteren linken Ecke ist eine große Uhr zu sehen. Da ich gelesen habe, dass Sänger Brock vor einigen Jahren seine Mutter durch eine schwere Krankheit verloren hat, kann ich mir gut vorstellen, dass dieses traumatische Erlebnis das Songwriting und eventuell auch die Covergestaltung beeinflusst haben könnte.

Der Opener von "Time And Trauma" trägt dann auch noch den Titel "Vanish (We All Disappear)" und klingt musikalisch extrem verzweifelt, wütend und aggressiv. Verstörende, disharmonische Riffs bauen eine fast unerträgliche Spannung auf, bis ein klangender, nahezu traurig klingender Lindow schleppend die erste Strophe übernimmt und erzählt, wie die Wut ihn beherrscht, bis er schließlich schreiend um Erlösung fleht. Doch auch das zum Refrain aufkommende Tempo kann nicht über die bittere Erkenntnis des Songs hinwegtrösten, dass wir am Ende doch alle gehen müssen. Bereits im ersten Song der Scheibe kommt Brocks stimmliches Facettenreichtum zur Geltung und er wechselt spielerisch zwischen cleanen Parts, keifenden Screams und tiefen Growls.

Die depressive Grundstimmung zieht sich durch nahezu alle Songs des etwa 50 minütigen Releases und auch der zweite Song "11.24.11" auf dem Album markiert ein offensichtlich sehr schmerzhaftes Erlebnis im November 2011, welches Verzweiflung, Leere und letztendlich auch unfassbare Wut hervorgerufen haben muss. Musikalisch zeichnet sich dies durch walzende Riffs und Uptempostrophen aus, die sich später unweigerlich in einen mit Lindows markerschütterndem Geschrei betonten Breakdown entladen. Der sehr schön melodisch gesungene Refrain mit Lyrics wie "Swallowing the darkness – the only thing I have left" deutet ebenfalls eher auf Resignation als auf Hoffnung hin.

Die nun folgende, extrem gefühlsgeladene Trauerphase "Sorrow Sings" wird von Anfang bis Ende durch teils schwerfällige, mahlende aber auch groovende Riffs der Saitenfraktion (bestehend aus Gitarrist Steve Holt und Bassist Mick Whitney) begleitet. Lindow berührt durch ergreifende Schreie, aber auch durch sehr schön gesungene melodische Parts und lässt uns an seiner Verzweiflung teilhaben. Nach dieser schwer verdaulichen Melancholie bringt das nun folgende "Lightness" einen Funken Hoffnung zurück. Wesentlich lebendiger und ohne Verzerrer oder disharmonische Klänge, dafür mit einem tollen zweistimmigen Refrain ausgestattet, ist das rockige Stück eine willkommene Abwechslung.

Denn mit dem darauf folgenden Titeltrack "Time And Trauma" kehrt die Ernüchterung zurück und die Erkenntnis der Zerbrechlichkeit eines einst gefestigt geglaubten Lebenskonzepts. Musikalisch ist der Song daher wieder schleppend und der Sound dröhnend. Der packende Breakdown zum Ende des Songs, der gutturales Gegrunze und fieses Gekeife nach sich zieht, mündet schlussendlich in dem von Brock angenehm gehauchten und nur von Steves Gitarre begleiteten Geständnis "I've seen the devil in many of days, maybe I've decorated far too many graves."

Das vorab zurecht als erstes veröffentlichte "Also Am I" besticht durch seinen unverschämt eingänigen Refrain und ein wildes Gitarrensolo. Der Song hat ordentlich Groove und setzt sich textlich gesehen mit der Suche nach Trost durch Gebete auseinander. "Translator" ist mein Lieblingssong auf dem Album. Er wird fast ausschließlich clean gesungen und beinhaltet einen wahnsinnig atmosphärischen Gitarrenpart, der mir jedes Mal eine Gänsehaut bereitet. "Silencer" ist ein weiterer Rückfall in eine düstere Gedankenwelt und daher instrumental durchweg verstörend und mürrisch. Hoffnungsvoller wird es mit "Slivers", welches ordentlich Fahrt aufnimmt und im Refrain zweistimmige, an ALICE IN CHAINS erinnernde Passagen enthält. Was zunächst positiv beginnt, endet mit der ernüchternden Erkenntnis, dass das Trauma noch lange nicht verarbeitet ist.

Das bouncig-groovige "Swing The Noose" hat absolutes Hitpotential und ist mit seinem einprägsamen Refrain und den permanenten Tempi-Wechsel als Livesong prädestiniert. Das schräge und gitarrentechnisch teilweise orientalisch angehauchte "Listener" sorgt erneut für Unbehagen und besitzt einen erschreckenden Breakdown am Ende des Songs. Den krönenden Abschluss von "Time And Trauma" bildet das wundervoll traurige und im Duett gesungene "Marrow", welches Brock zu der Erkenntnis bringt, dass man die Zeit leider nicht aufhalten kann. Ein sehr verletzlicher, aber absolut packender Song, der von beiden Sängern großartig umgesetzt wurde.

36 CRAZYFISTS lassen uns auf ihrem siebten Album an der Kälte und Einsamkeit Alaskas teilhaben und nehmen uns in eine persönliche Gefühlswelt mit, die trotz der vorwiegenden Melancholie und extremen Gefühlsausbrüchen durch ihre atemberaubende Schönheit besticht und einen gefangen nimmt.