Geschrieben von Sonntag, 09 August 2026 12:08

Interview mit BORN BROKEN – Wenn Metal und Wissenschaft plötzlich dieselbe Sprache sprechen

BORN BROKEN aus Montreal BORN BROKEN aus Montreal Pic: Born Broken

Die 2008 in Montréal gegründete Band bewegt sich zwischen Groove Metal, Death Metal und modernen Hardcore-Einflüssen. Mit dem aktuellen Album "Am I Invisible" schärften BORN BROKEN ihr musikalisches Profil und gewannen den kanadischen Wacken Metal Battle, wodurch die Band Kanada auf dem Wacken Open Air vertreten durfte. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, findet BORN BROKEN z.B. hier – ein Hörstart mit "How Strong You Are" oder dem Album/Track "Am I Invisible" lohnt sich.

Es gibt Interviews, in denen man Fragen stellt und Antworten bekommt. Und es gibt Begegnungen, bei denen man nach wenigen Minuten feststellt, dass beide Seiten eigentlich über dasselbe sprechen – nur mit unterschiedlichen Begriffen.

So begann mein Gespräch mit Michael Decker, Sänger und Gitarrist der kanadischen Groove-Metal-Band BORN BROKEN, mitten auf dem Holy Ground des Wacken Open Air. Decker gehört zu den Menschen, die nicht versuchen, größer zu wirken, als sie sind. Seit rund vier Jahrzehnten macht er Musik, hat Höhen und Tiefen einer Underground-Karriere erlebt und vermittelt dennoch keine Spur von Rockstar-Attitüde. Stattdessen begegnet er seinem Gegenüber mit einer angenehmen Ruhe, ehrlicher Neugier und einer Offenheit, die in der heutigen Musikbranche fast ungewöhnlich wirkt.

Dabei hätte unser Gespräch auch ganz klassisch beginnen können: neues Album, Wacken, Zukunftspläne. Doch schon nach wenigen Minuten war klar, dass dieses Interview in eine andere Richtung gehen würde.

Geboren in einer gebrochenen Welt

Der Bandname BORN BROKEN wirkt zunächst düster. Für viele klingt er nach Hoffnungslosigkeit oder persönlichem Scheitern. Doch genau das meinte Michael Decker nie.

Der Name entstand zwar eher spontan, fühlte sich für die Band aber sofort richtig an. Nicht, weil Menschen kaputt geboren würden, sondern weil sie in eine Welt hineingeboren werden, die bereits voller Brüche ist. Vorurteile, soziale Ungleichheit, Erwartungen und gesellschaftliche Kategorien existieren lange vor unserer Geburt. Wie Decker es formulierte, startet man oft schon "behind the eight ball" – also mit einem Nachteil, bevor das eigentliche Spiel überhaupt begonnen hat.

Während er sprach, musste ich unweigerlich an meine eigene Arbeit denken. Seit Jahren beschäftige ich mich mit Genogrammen, transgenerationalen Mustern und der Frage, wie Verletzungen, Rollen und ungelöste Konflikte über Generationen weitergegeben werden. Plötzlich wurde klar: BORN BROKEN beschreibt musikalisch genau jene Themen, die ich wissenschaftlich untersuche. Nur mit Gitarren statt Literaturverzeichnis.

Deshalb stellte ich Michael eine ungewöhnliche Frage. Mich interessiere weniger, wo Menschen gebrochen wurden, sondern wann sie begonnen haben, aus diesem Bruch eine Stärke zu entwickeln. Seine Antwort war keine fertige Lebensphilosophie. Sie lag vielmehr zwischen den Zeilen: Nicht der Bruch definiert den Menschen, sondern der Umgang mit ihm. Vielleicht ist genau das der eigentliche Kern von BORN BROKEN.

Normalität existiert nur im richtigen Umfeld

Von dort war der Weg zu einer zweiten großen Frage erstaunlich kurz:

Was ist eigentlich normal?

Plötzlich diskutierten wir nicht mehr über Metal, sondern über gesellschaftliche Normen. Auf Wacken tragen viele Schwarz, Metal-Merch oder Nieten. Niemand fällt auf. Dieselbe Person mit der Festival-Kleidung würde am Montagmorgen bei der Arbeit plötzlich "anders" wirken, obwohl sie sich selbst kein Stück verändert hat. Geändert hat sich lediglich der soziale Kontext.

Für Decker ist genau das der entscheidende Punkt. Normalität ist nichts Natürliches. Sie wird gelernt. Kinder kommen nicht mit Vorurteilen zur Welt; sie lernen erst später, Menschen nach Herkunft, Hautfarbe, Status oder Aussehen einzuordnen. Normalität ist damit weniger ein biologischer Zustand als vielmehr ein gesellschaftliches Trainingsprogramm.

Gerade auf einem Festival wie Wacken wird dieser Gedanke sichtbar. Hier entsteht für wenige Tage eine Parallelgesellschaft mit ihren eigenen Regeln. Was außerhalb als ungewöhnlich gilt, wird auf dem Holy Ground selbstverständlich. Gleichzeitig lobte Decker ausdrücklich die Bemühungen des Festivals, Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen einzubeziehen, zum Beispiel das Programm "Wheels of Steel", um nahezu selbstverständlich selbstbestimmt am Festival teilnehmen zu können – ein schönes Beispiel dafür, dass Inklusion nicht nur diskutiert, sondern auch praktisch umgesetzt werden kann.

Zwischen Leidenschaft und Algorithmus

Natürlich kamen wir irgendwann doch auf Musik zurück. Genauer gesagt auf die Bedingungen, unter denen Musik heute überhaupt noch wahrgenommen wird.

Michael beschrieb den Erfolg einer Band als einen regelrechten "crapshoot". Talent allein reiche längst nicht mehr aus. Oft entscheide der richtige Kontakt zum richtigen Zeitpunkt oder die Sichtbarkeit in sozialen Netzwerken darüber, wer eine Chance bekomme. Labels und Veranstalter blickten immer häufiger zuerst auf Klickzahlen, Likes und Follower – und erst danach auf musikalische Qualität oder jahrzehntelange Hingabe. Das klang nicht nach Vorwurf, sondern nach Analyse.

Gerade deshalb wirkt BORN BROKEN fast wie ein Gegenentwurf zum modernen Musikgeschäft. Die Band schreibt keine Songs für Algorithmen, sondern für Menschen. Ihre Texte bleiben bewusst offen genug, damit Zuhörer ihre eigenen Erfahrungen darin wiederfinden können. Man soll sich nicht als Beobachter fühlen, sondern Teil der Geschichte werden.

Ein Lied für die Ewigkeit

Zum Abschluss stellte ich Michael eine hypothetische Frage: Wenn BORN BROKEN nur einen einzigen Song in eine Zeitkapsel legen dürfte, damit Menschen in hundert Jahren verstehen könnten, wofür diese Band stand – welcher wäre es?

Die Antwort kam ohne Zögern: "How Strong You Are".

Der Song entstand für seine Tochter. Auslöser war Mobbing, die Botschaft jedoch ist Hoffnung. Es geht nicht darum, niemals zu fallen, sondern immer wieder aufzustehen. Resilienz statt Resignation. Vielleicht beschreibt genau dieses Lied BORN BROKEN besser als jede Biografie oder jede Pressemitteilung.

Mehr als nur ein Wacken-Auftritt

Für viele Bands ist Wacken ein Ziel. Für BORN BROKEN könnte es der Anfang von etwas Größerem sein. Europa kennt diese Band bislang nur am Rande – zu Unrecht. Nicht, weil sie den spektakulärsten Auftritt oder den größten Social-Media-Hype mitbringt, sondern weil sie etwas besitzt, das heute selten geworden ist: Glaubwürdigkeit.

Wer Michael Decker zuhört, merkt schnell, dass hier kein Musiker versucht, sich zu inszenieren. Er erzählt von Brüchen, Verantwortung, Familie und Hoffnung mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der andere über Gitarren, Verstärker oder Stage-Rider sprechen. Vielleicht liegt genau darin die Stärke von BORN BROKEN. Die Band spielt satt harten Metal – aber im Kern geht es um etwas zutiefst Menschliches.

Und vielleicht braucht Europa gerade genau solche Bands.

Michael Decker (Born Broken), Marco und Arne (BYE)Michael Decker (Born Broken), Marco und Arne (BYE)

Marco

Stile: Old-School Hardrock, Seattle-Sound, Funk-Metal / Nu-Metal, Alternative, Stoner, aber auch elektronische und unverstärktere Klänge

Bands: Rage Against The Machine, AC/DC, Motörhead, Metallica, Clawfinger, Soundgarden, Primus, Urban Dance Squad, Extreme, Kaan, Sonic Youth, Korn

Musikinstrumente: Suzuki Omnichord OM-27, Gibson SJ200 (Gallery Edition Majestic), Fender Standard Jazz Bass RW BSB, Bocarina-Nasenflöte, Synthesizer Roland TR-909, Gretsch G6128T-GH, Casio VL-Tone VL-1

Filme: Eat The Rich, Pulp Fiction, Big Lebowski, Lucky # Slevin, Man beißt Hund, Night On Earth, Quadrophenia, Bube, Dame, König, Gras, Risky Business, Der blutige Pfad Gottes