Geschrieben von Samstag, 08 Dezember 2012 13:30

Thin Lizzy, The Quireboys & Orchid - Köln / Die Kantine


Thin Lizzy Kantine-2012

16.11.2012  - Eigentlich ist der Abend kein Konzert an sich, sondern nebenbei auch die fünfjährige Jubiläumsparty des ROCKS Magazins. Aus diesem Grund sind auch etliche „Promis" der deutschen Musikszene wie AXEL RUDI PELL, UDO DIERKSCHNEIDER oder MICHAEL VOSS, sowie Schreiberlinge von allen mir bekannten Printmedien im Publikum auszumachen. Für mich ist das aber heute Abend eher zweitrangig, da ich hier eventuell nach der Ankündigung eines neuen Albums unter neuem, noch nicht bekanntem Namen, zum letzten Mal THIN LIZZY live sehen kann. Vor THIN LIZZY sind aber erst noch THE QUIREBOYS und die Doomer ORCHID am Start, wodurch das Billing in der Kantine zu Köln die Fahrt über den Rhein zu einer lohnenswerten Angelegenheit macht.

Die Kantine ist sehr gut gefüllt, als gegen 19:35h die Doomer ORCHID die Bühne entern. Normalerweise wird eine Band ja zumindest mal mit etwas Applaus begrüßt, doch die Kölner scheinen irgendwie noch die Alaaf-Attacken vom 11.11. in den Gliedern zu haben. Der Sound ist zwar ganz ok, aber leider viel zu leise. Wenn man sich bei einem Konzert noch ohne die Stimme zu erheben gemütlich unterhalten kann, dann stimmt was nicht.

ORCHID hängen sich zwar voll rein, aber ich habe das Gefühl, dass der Gig an den meisten Fans in der Halle mehr oder weniger vorbeigerauscht ist. Sänger Theo Mindell lässt zwar manchmal bewegungstechnisch den Ozzy für Arme raushängen, kann aber mit seiner Performance trotzdem punkten. Auch wenn ich jetzt nicht der Doom Fan vor dem Herrn bin, kann ich den Jungens aus San Francisco einen unterhaltsamen Gig bescheinigen. Wer dabei war und mit den Songs der Band vertraut ist, darf gerne als Kommentar die Titel, die gespielt wurden, absenden.

Die Umbaupause ist schön kurz, und als THE QUIREBOYS auf die Bühne kommen, ist meine Vorfreude enorm groß, denn die Songs der Band haben wirklich ein erhebliches Party- und Feier-Potential. Leider stellt sich nach dem ersten Song bereits heraus, dass auch Sänger Spike und Co. viel zu leise abgemischt werden. Sicher muss man zwischen dem Mainact und den Vorbands leichte Abstufungen machen, aber das ist mir persönlich doch etwas zu extrem. Das Publikum taut zwar etwas auf, aber Begeisterung sieht definitiv anders aus. Die haben THE QUIREBOYS aber definitiv verdient, denn „Tramps And Thieves", "Hey You", „There She Goes Again", "This Is Rock'n Roll", „Mona Lisa Smiled" oder „7 O'Clock" rocken wie erwartet ohne Ende gut.

Spike und seine Jungens lassen sich durch den mauen Sound und die Missachtung des größten Teils der Fans nicht beirren und feiern ihre eigene Party auf der Bühne. Und eine Hand voll Fans feiern ja auch in der ersten Reihe mit. Was mich neben dem immer wieder begeisternden Gesang von Spike am meisten beeindruckt, ist die Gitarrenarbeit von Guy Griffin und Paul Guerin, die zeigen, dass man nicht nur mit Geschwindigkeit, sondern auch mit Gefühl und langgezogenen Tönen was her machen kann. Weniger ist eben manchmal tatsächlich mehr. Mit etwas mehr Wumms im Sound hätte der Gig wirklich legendär werden können. Trotzdem ist es eine sehr kurzweilige Angelegenheit, und nach etwas mehr als einer Stunde ist Schicht. Spike wird hinterher noch mehrfach an der Bar gesichtet, um sich die von ihm so geliebten und bei seinen Ansagen mehrfach erwähnten Jägermeister reinzupfeifen.

Kurz nach halb Zehn ist es dann soweit und THIN LIZZY entern mit „Are You Ready" die Bühne. Und siehe da, offensichtlich hat der Soundmann den Knopf für die Lautstärke gefunden, denn der Sound ist um Klassen lauter, wuchtiger und akzentuierter als bei den beiden vorherigen Bands. Sänger Ricky Warwick zeigt sich wie gewohnt als echte Frontsau und peitscht das Publikum vom ersten Ton nach vorne. Und siehe da, mit dem Sound kommen auch die Arme in die Luft. Ich bin immer wieder fasziniert, dass eine Band, die seit etlichen Jahren dieselben Songs im Liveprogramm hat, diese mit so einer unglaublichen Spielfreude und Intensität präsentieren kann. Die zweite Gitarre wird von Damon Johnson gespielt, der sich nach Vivian Campbell im Line Up etabliert zu haben scheint. Ansonsten sind neben Sänger Ricky Warwick noch die Original THIN LIZZY Recken Darren Wharton (keyboards), Brian Downey (drums) und natürlich Scott Gorham (guitar), sowie Marco Mendoza am Bass am Start.

„Jailbreak" folgt direkt im Anschluss und die ersten mitsingenden Fans können ausgemacht werden. Vor "Don't Believe A Word" begrüßt Ricky die Fans und freut sich offensichtlich, mal wieder in Deutschland zu sein, um ein paar gelernte Brocken Deutsch von sich zu geben. Dann hat Marco Mendoza beim basslastigen „Don't Believe A Word" die Fäden in der Hand. Er gehört ja eh zu den bewegungsfreudigeren Bassisten und ist auch jetzt die ganze Zeit auf der Bühne unterwegs. „Killer On The Loose" wird dann mal wieder von den Fans mitgesungen, auch wenn sich die Stimmung nur auf die ersten zwei, drei Reihen beschränkt. So richtig kommt der Rest des Publikums immer noch nicht in Schwung. Und das wundert, denn jetzt gibt es wirklich keine Ausreden mehr, sich nicht von den geilen Songs und der guten Stimmung auf der Bühne anstecken zu lassen.

„Chinatown" kommt live immer gut und steht nicht so oft auf der Setlist und „Dancing In The Moonlight" haut mich wie immer um. Auffällig ist, das Scott Gorham sehr viele Solopassagen an Damon abgetreten hat. Dass Phil Lynott aber nicht nur romantische Songs sondern auch fast schon düstere Nummern aus dem Ärmel geschüttelt hat, beweist das Package mit "Massacre" und "Angel Of Death". Ricky Warwick zeigt, dass er tatsächlich eine Rampensau ist und feuert sich und die Fans immer wieder an. Zwar ist die Stimmung in der Halle mittlerweile besser als zu Beginn, aber ich habe auch durchaus schon frenetischere Reaktionen auf THIN LIZZY Konzerten gesehen. Ob hier wirklich allen klar ist, dass es vielleicht der letzte Gig der Band sein könnte?

Mit der Gänsehaut-Ballade "Still In Love With You" kühlen sich zumindest die Musiker etwas ab. Außer Scott Gorham, der ein atembearubendes Solo spielt, und ich glaube, bei diesem Song würde er sich auch niemals die Fäden aus der Hand nehmen lassen. Wie immer ein Highlight, dem mit "Whiskey In The Jar" der Megahit der Band folgt. Ok, jetzt wird tatsächlich auch mal mitgesungen, aber wenn nicht bei dem Titel, wann dann? Drummer Brian Downey steht bei "Sha La La" mit seinem Solo wie gewohnt souverän seinen Mann. Er ist der einzige Musiker bei THIN LIZZY, der alle Alben zusammen mit Phil eingespielt hat. "Suicide" rockt heute nur eher mäßig, dafür ist der "Cowboy Song" mal wieder ganz großes Kino, auch wenn das Coyoten Geheul der Fans eher wie ein Welpenwimmern klingt. Trotzdem scheint sich Ricky Warwick zu freuen, dass zumindest eine Hand voll Fans weiß, was bei dem Song zu tun ist.

"The Boys Are Back In Town" schließt übergangslos an die Cowboy Nummer an, und endlich, endlich sind auch mal Hände in den hinteren Reihen zu sehen, die sich gen Hallendecke recken. Wenn man sieht, wie sich die Band auf der Bühne abrackert, ist es schon fast peinlich, dass das Publikum mit solch gebremster Begeisterung agiert. Natürlich kommen die Musiker noch einmal raus, den es fehlen ja noch mindestens zwei Songs, die zum Standardrepertoire der Band gehören. "Roslalie", der einzige Song, der nicht aus der Feder von Phil Lynott oder einem seiner Musiker stammt, sondern von Bob Seger, und das wie immer geniale, bombastische, grandiose "Black Rose" runden einen geilen Gig ab. Zumindest für meinen Geschmack, und ich kann es nicht oft genug erwähnen, wie spielfreudig THIN LIZZY jetzt schon über mehrere Jahrzehnte in wechselnden Besetzungen immer wieder die selben Songs performen.

Fazit: Es hätte der perfekte Abend werden können, wenn man ORCHID und vor allem THE QUIREBOYS nicht so am Sound beschnitten hätte. Wie es richtig geht, konnte man ja bei THIN LIZZY erleben, da hätte man den Vorbands schon das ein oder andere Watt mehr gönnen können. Ob es dadurch auch zu den eher mäßigen Publikumsreaktionen kam, oder ob es doch am Karnevalsstart am 11.11. gelegen hat, kann ich schlecht beurteilen. Kleiner Tipp an alle Kölner: Ruft beim Karneval doch mal Helau und trinkt Alt statt Kölsch, dann seid ihr auch fünf Tage später wieder fit für ein Konzert. Davon aber abgesehen war Die Kantine erneut eine gute Location für ein Konzert. Nette Security, sehr schnelle Bedienung an der Tränke, guter Parkplatzservice, alles im Grünen. Die Shirtpreise waren auch ok, THIN LIZZY für 25€, THE QUIREBOYS für 20€ und ORCHID für 15€. Ich bin jetzt nur mal tierisch gespannt auf das angekündigte Album von Scott Gorham und Co. und bin froh, die Band dann doch nochmal unter dem THIN LIZZY Banner gesehen zu haben. In dem Zusammenhang kann ich Scott Gorham nicht oft genug danken, dass er die THIN LIZZY Fahne so lange und mit solch einer Begeisterung hoch gehalten hat!

Setlist THIN LIZZY:

Are You Ready
Jailbreak
Don't Believe A Word
Killer On The Loose
Chinatown
Dancing In The Moonlight
Massacre
Angel Of Death
Still In Love With You
Whiskey In The Jar
Sha La La (mit Drumsolo Brian Downey)
Suicide
Cowboy Song
The Boys Are Back In Town
---
Rosalie
Roisin Dubh (Black Rose)