1986 erschien das selbstbetitelte Debüt einer jungen US-Band aus der Nähe von Seattle, das von Szene-Magazinen wie dem Metal Hammer über den grünen Klee gelobt wurde. Und in der Tat enthielt die Scheibe neun Songs, die – wie ich behaupten würde – den melodischen Heavy Metal neu definierten.
Ich empfinde Stolz angesichts dessen, was wir erreicht und erschaffen haben. Und ich bin wirklich erstaunt, dass es immer noch ein Publikum dafür gibt!
Filigrane, zum Teil pfeilschnelle, dann wieder perfekt stampfende Gitarren kulminierten mit einem herausragenden Gespür für Melodie, getragen durch die angenehme Stimme von Ted Pilot, deren Klang bis heute unverwechselbar ist (siehe auch unser Review zu diesem Album). Neun abwechslungsreiche Songs, die FIFTH ANGEL eigentlich den Weg zu einer Welt-Karriere hätten ebnen müssen. Doch dann kam alles anders.
Wir hatten große Ambitionen und wussten insgeheim, dass wir bald bei einem Major-Label sein würden.
(Die im Text verwendeten Zitate und Fakten entstammen folgenden Quellen:
- musikholics.com / FIFTH ANGEL – The Making and History of their debut album (Kevin Tanza 2021)
- metaljournal.net / Interview Ed Archer (Pedro Alonso 2021)
- metalfactory.ch / FIFTH ANGEL – Nicht einfach, einen eigenen Klassiker zu toppen (Tinu 2021)
- fifthangelofficial.com)
Gegründet wurden FIFTH ANGEL 1983. Ted Pilot (voc.), Ken Mary (dr.) und Ed Archer (g.) stammten aus Bellevue im Bundesstaat Washington, östlich von Seattle, und hatten schon als Teenager mit unterschiedlichen Schul- und Coverbands die Region beackert. In der Szene gab es etliche Talente, die sich gegenseitig zu Höchstleistungen antrieben.
Es waren die typischen „Battle Of The Bands“-Events, mit Musikern, die später zu so bekannten Seattle-Gruppen wie QUEENSRYCHE, ALICE IN CHAINS und anderen werden sollten. Eine großartige Zeit!
Die meiste Erfahrung brachte Drummer Ken Mary mit, er hatte schon mit 16 zwei Alben mit der Band TKO aufgenommen. Inspiriert wurden die drei Freunde durch Bands wie LED ZEPPELIN und BLACK SABBATH, aber auch durch die aufstrebenden Gruppen der ersten Heavy-Metal-Welle Anfang der 80er. Das gemeinsame Ziel: Ein Demo aufzunehmen, um einen Plattenvertrag zu ergattern. Als sich ihr Weg mit dem des beeindruckenden Gitarristen James Byrd kreuzte, boten sie ihm an, einzusteigen.
James hatte eine einzigartige Art, seine Soli zu phrasieren, gepaart mit Geschwindigkeit, Artikulation und natürlich Melodie – nicht einfach zufällig gespielte Töne, sondern echte Gedanken und Tiefe hinter dem, was gespielt wird. Seine Soli spielten im frühen Sound von FIFTH ANGEL definitiv eine wichtige Rolle.
Bei ihren durchaus sozialkritischen Texten arbeitete die Band gerne mit religiös angehauchter Symbolik. Das schlug sich auch in der Wahl des Bandnamens nieder.
Wir suchten nach einem einzigartigen und ungewöhnlichen Namen, der ein gewisses Maß an Geheimnis vermitteln sollte. Teds kleiner Bruder half uns, als wir alle über den passenden Namen nachdachten. Er war im Theologieunterricht und begann, das Buch „Offenbarung“ in der Bibel zu studieren. Er las Geschichten über den „ersten Engel“, den „zweiten Engel“ … bis er zum „fünften Engel“ kam. So fand er den idealen Namen: FIFTH ANGEL.

Statt nach kleinen Gigs zu suchen, konzentrierten sich die vier Nachwuchsmusiker – nach dem Vorbild der bereits recht erfolgreichen QUEENSRYCHE – lieber auf die Verbesserung der eigenen musikalischen Fähigkeiten und die detaillierte Perfektionierung ihrer Songs.
Als die Band ausreichend Material für ein Vier-Track-Demo ausgearbeitet hatte, mietete sie sich abends und am Wochenende in einem professionellen Studio ein, den Steve Lawson Productions in Seattle. Den Mix übernahm der leitende Toningenieur des Studios: Terry Date, der später als Produzent von Bands wie PANTERA, DREAM THEATER, LIMP BIZKIT und OVERKILL Karriere machen sollte.
Wir waren sehr jung und sprühten vor Ideen und Energie. Wir wirkten wie eine Gruppe von Kindern in einem Süßwarenladen, begleitet von Terry Date. Das war lange bevor Terry zu dem weltweit renommierten Produzenten wurde, der er heute ist.
Wir entdeckten gesampelte Keyboards. Sie hatten ein Kurzweil, das wir für einen Hintergrundchor bei „Cry Out the Fools“ verwendeten. Wir konnten nicht glauben, wie großartig die Samples klangen. Damals begann diese Technologie gerade erst aufzukommen, und für uns war es fast wie Magie.
Ihr Demo schickten FIFTH ANGEL an mehr als 100 Plattenfirmen, doch das einzige Label, das darauf ansprach und ihnen einen Vertrag anbot, war das kleine, in Kalifornien ansässige Unternehmen Shrapnel Records, dessen Chef Mike Varney zu dieser Zeit unzählige Guitar Heroes wie Yngvie Malmsteen, Marty Friedman und Tony MacAlpine zutage förderte.
Varney war von FIFTH ANGEL überzeugt und schickte sie zurück in die Steve-Lawson-Studios, um mit Terry Date weitere Songs für ihr Debüt aufzunehmen. Die besten drei Demo-Tracks wurden gleich mitverwendet und lediglich neu gemischt, was beweist, auf welch hohem Niveau FIFTH ANGEL von Beginn ihrer Karriere an abgeliefert haben.
Verglichen mit dem Aufnahmeprozess von heute waren die Methoden ziemlich archaisch. Es gab keine Software wie Pro Tools und keine Möglichkeit, Schlagzeugspuren nachträglich irgendwie zu manipulieren. Dein Gefühl und dein Spiel landeten auf der Platte. Wenn du kein solider Musiker warst und keine Grundlage legen konntest, gab es keine Möglichkeit, das zu korrigieren. Wenn du etwas nicht spielen oder singen konntest, passierte es nicht.
Wir alle trugen zum Songwriting bei, einige mehr als andere, je nach dem jeweiligen Song. Aber alles verschmolz zu einem Sound, zum „FIFTH-ANGEL-Sound“, nehme ich an.
Wer sich ein schnelles Bild von diesem „FIFTH-ANGEL-Sound“ machen will, findet die Essenz des Ganzen in einem Song wie „Call Out The Warning“. Kaum vorstellbar, dass ein solches Stück von Musikern geschrieben und aufgenommen wurde, die zuvor zum Großteil kaum Studioerfahrung besaßen und bis vor kurzem noch die Schulbank gedrückt hatten.
Vor allem aus Europa, wo das Album von Roadrunner vertrieben wurde, schwappten begeisterte Kritiken und Interview-Anfragen über den großen Teich. Die Hoffnung, die verheißungsvolle junge Band live zu Gesicht zu bekommen, erfüllte sich jedoch nicht – weder hier noch in den USA. Mangelndes Budget vonseiten Shrapnel Records sowie Studium und Ausbildung der Bandmitglieder standen einer Tour im Wege.
Zudem war die Position am Bass nach wie vor unbesetzt – sämtliche Spuren waren von Ed Archer und dem befreundeten Gitarristen Randy Hansen aufgenommen worden. Kenny Kay, der auf dem damaligen Bandfoto als Bassist aufgeführt ist, war ein gemeinsamer Kumpel, spielte aber nie auch nur einen Ton für FIFTH ANGEL ein.
Kenny Kay war einfach in der Band, um auf dem Werbefoto aufzutauchen. Ich glaube, er war Roadie oder Schlagzeugtechniker irgendeiner Band. Aber er sah gut aus, und wir brauchten für das Foto noch jemanden.

Ken Mary profitierte am Meisten von der Aufmerksamkeit, die das Album generieren konnte. Sein mitreißendes Drumming verschaffte dem 18-Jährigen innerhalb kürzester Zeit Jobs bei IMPELLITTERI, HOUSE OF LORDS und ALICE COOPER, mit dem er unter anderem das erfolgreiche Comeback-Album „Constrictor“ (1986) sowie „Raise Your Fist And Yell“ (1987) einspielte und auf Tour ging. Während seine Kollegen bei FIFTH ANGEL an neuen Songs arbeiteten, konnte er den Grundstein für eine bis heute anhaltende Karriere legen.
Für unser Alter und angesichts des Einsatzes, den wir aufgebracht hatten, um ein großartiges Album zu erschaffen, bin ich sehr stolz auf das, was wir erreicht haben. Ich denke, dass es für seine Zeit aufgrund des musikalischen Könnens und der Aufmerksamkeit für Details beim Songwriting, bei den Aufnahmen und bei den Darbietungen sehr professionell klingt. Die Lektionen aus der Entstehung dieses Albums haben mich tatsächlich durch mein ganzes Leben begleitet. Was auch immer du tun wirst: Tu es mit höchster Qualität!
Ken Mary ist ein brillanter Session- und Live-Musiker. Egal, ob rasend schnell, technisch präzise oder einfach wunderbar groovend – er ist dein Mann. Einer der Besten!
Doch nicht jeder aus der Ur-Besetzung von FIFTH ANGEL hat sein eigenes Wirken auf dem Debüt in bester Erinnerung. Gitarrist James Byrd beschreibt die Aufnahmen als Tortur.
Auf dem FIFTH-ANGEL-Album gibt es wirklich nicht viel, womit ich heute als Musiker noch zufrieden bin. Dieses Album wurde unter erheblichem Zeit- und Budgetdruck aufgenommen, und alle Soli waren bis auf den einzelnen Ton ausgearbeitet. Das mussten sie auch, denn ich hatte bei diesem Album nur 45 Minuten pro Song, um meine Gitarrenparts einzuspielen. Wenn man darüber nachdenkt, ist das absurd.
Dennoch hätte es aus Sicht der Band zunächst kaum besser laufen können – wie erhofft, meldeten sich infolge des Albums mehrere Major-Labels wie Atlantic und Elektra, die FIFTH ANGEL aus dem Deal mit Shrapnel herauskaufen und selbst unter ihre Fittiche nehmen wollten. Das Rennen machte schließlich Epic Records, das der Band einen Vertrag über sieben Alben und 21 Millionen Dollar anbot.

Epic brachte zunächst das Debüt-Album remastered und mit neuem Cover 1988 erneut auf den Markt, diesmal erreichte es Platz 117 in den US-Charts. Doch hinter den Kulissen rumorte es – FIFTH ANGEL und ihr Leadgitarrist James Byrd gingen nach nur einer Platte getrennte Wege. Während Ed Archer persönliche Differenzen als Grund anführt, geht James Byrd mit seinen ehemaligen Bandkollegen hart ins Gericht.
Kurze Antworten erklären nicht wirklich, was passiert ist, weil die Sache kompliziert ist. Ich wurde jedoch unmittelbar nach der Unterzeichnung einer neuen Partnerschaftsvereinbarung, durch die ich bestimmte wichtige Rechte an der Band aufgab, ohne Vorwarnung aus der Band entlassen. Es war ein Stich in den Rücken. Es geschah wegen des Geldes und des Rechts, den Namen ohne mich weiter zu verwenden.
James Byrd baute sich danach eine beständige Solokarriere auf. Seinen Posten übernahm Kendall Bechtel. Als Mann am Bass wurde John Macko verpflichtet. Epic drängte unterdessen auf ein zweites Album und gab eine neue Marschrichtung vor: Weg vom Metal, hin zum massenkompatiblen Hard Rock.
Das Ergebnis war 1989 die zweite Scheibe von FIFTH ANGEL, „Time Will Tell“, produziert von Terry Brown (RUSH, FATES WARNING), auf der sich die Band musikalisch und optisch deutlich kommerzieller und anschmiegsamer präsentierte. Zum Titeltrack wurde ein Video veröffentlicht, mit dem FIFTH ANGEL nun auch auf MTV präsent waren. Ihr Song „Midnight Love“ wurde zudem für mehrere Jahre zur Titelmelodie der Howard Stern Show.
Für sich genommen ist „Time Will Tell“ von meiner Warte aus ein äußerst starkes Hard-Rock-Album, das einer etablierten Band wahrscheinlich aus den Händen gerissen worden wäre und das Gruppen wie DOKKEN und WINGER meilenweit hinter sich ließ. Doch die Ecken und Kanten, die FIFTH ANGEL auf ihrem deutlich härteren Debüt ausgezeichnet hatten, waren weitgehend abgeschliffen (siehe auch das Review zum Album „Time Will Tell“). Dennoch, oder vielleicht auch deswegen, blieben die Verkaufszahlen hinter den Erwartungen zurück.
Diese Platte, „Time Will Tell“, wurde in gewisser Weise vom Label vorgegeben. Sie suchten nach Radiohits. Das war der Grund für den leichteren Ton dieser Platte im Vergleich zum ersten Album. Ich denke, wir haben das bis zu einem gewissen Grad erreicht. Natürlich kam der Zeitpunkt zu spät, und dann machte der Grunge uns allen den Garaus!
Der Traum, mit dem zweiten Album einen Millionen-Seller zu landen und endlich auf große Tour zu gehen, verpuffte. Bevor alles überhaupt richtig angefangen hatte, gerieten Epic und FIFTH ANGEL ins Schlingern, Hard Rock und Heavy Metal waren plötzlich nur noch eine Randerscheinung.
Der Grunge begann seine Vorherrschaft anzutreten. Wenn man keine Grunge-Band war oder nicht über eine enorme Fangemeinde verfügte, wollten die Unternehmen nicht in Tourneen investieren. Es war gewissermaßen der perfekte Sturm. Dasselbe, was uns widerfuhr, passierte auch anderen großen Bands.
Ed Archer verließ die Band frustriert, und bald darauf wurden FIFTH ANGEL von ihrem Label gedroppt. Ted Pilot, der für viele eine der prägnantesten und besten Stimmen im Heavy Metal hatte, beendete seine Karriere nach nur zwei Alben und wurde Zahn-Orthopäde, später nahm er eine leitende Position in einem Unternehmen der Luft- und Raumfahrtindustrie ein.
Ironischerweise entstand die Grunge-Welle in Seattle, unserer Heimatstadt. FIFTH ANGEL und viele andere Metal-Bands und Produzenten wurden aus der Branche gedrängt. Infolge des Grunge verloren wir unseren Vertrag mit Epic. Das war wirklich ein sehr ungünstiger Zeitpunkt. Aber das ist die Musikindustrie: Man weiß einfach nie, was passieren wird.
1990, vier Jahre nach ihrem Debüt, lösten sich FIFTH ANGEL auf. Zurück blieben ein bahnbrechendes erstes Album sowie eine tolle zweite Scheibe, die beide auch nach vier Jahrzehnten zu meinen absoluten Alltime-Faves gehören und jeden Test of Time mühelos bestehen. In der Szene genießen sie Klassikerstatus und sind begehrte Sammlerobjekte – im Gegensatz zu „Time Will Tell“ ist das Debüt „Fifth Angel“ auch nicht bei Anbietern wie Spotify zu finden, was den Kultfaktor noch erhöht.
Ich weiß, dass wir ein paar andere, sehr erfolgreiche Truppen inspirierten und beeinflussten. Wir arbeiteten hart an unserer Zukunft, versuchten großartige Musik zu schreiben, und ich glaube, viele Leute schätzen dies auch. Aber es gibt auch immer eine geschäftliche Seite, die nicht zu unterschätzen ist. Es muss einiges zusammenpassen, mit dem Plattenlabel und den Personen in dessen Umfeld. Da passierte Einiges, über das wir keine Kontrolle hatten.

Zum heutigen Stand:
Nach einem umjubelten, zunächst einmaligen Comeback-Auftritt 2010 beim Keep-It-True-Festival sind FIFTH ANGEL seit 2017 wieder aktiv. Von der Besetzung aus den 80ern gehören aktuell Ed Archer, John Macko und Ken Mary zur Band, wobei Letzterer wohl der einzige Musiker auf der Welt ist, der zeitgleich bei drei Bands mit Kultstatus unter Vertrag steht – Ken Mary trommelt neben FIFTH ANGEL auch für METAL CHURCH und FLOTSAM AND JETSAM. Zudem betreibt der 58-Jährige ein hochdekoriertes und gefragtes Aufnahmestudio.
Diesen November kommen FIFTH ANGEL auf Tour, anlässlich des 40-jährigen Jubiläums ihres Debüts (Tour-Dates siehe unten). In den vergangenen neun Jahren haben sie zwei weitere Alben veröffentlicht, doch trotz ansprechender Qualität vermögen diese keinerlei Reiz auf mich auszuüben – sicher auch, da mit Ted Pilot ein immens wichtiger Baustein fehlt.
FIFTH ANGEL sind für mich, wie ich selbst, ein Kind der 80er. Sie waren ein musikalisches Juwel, das einen monumentalen Meilenstein sowie ein hervorragendes Folgealbum hinterließ, die jeder Fan melodischer, härterer Klänge einmal in seinem Leben gehört haben sollte. Für einen kurzen Zeitraum schien diesen jungen, talentierten Musikern vor vier Jahrzehnten die ganze Welt offen zu stehen – doch das Schicksal hatte andere Pläne.
Meiner Meinung nach wurden einige falsche Entscheidungen getroffen, die den Verlauf der Dinge verändert hätten, wenn man sie richtig getroffen hätte. Es ist schade, aber ich empfinde keine Reue, denn es war ein großartiges Kapitel meines Lebens.
FIFTH ANGEL – 40TH ANNIVERSARY TOUR
05.11.2026 Hamburg, Bambi Galore
06.11.2026 Oldenburg, MTS
07.11.2026 Essen, Metal & Hell
08.11.2026 Belgien, Diest, Hell
10.11.2026 Niederlande, Breda, Sound Dog
11.11.2026 Stuttgart, Der Schwarze Keiler
13.11.2026 Aschaffenburg, Colos-Saal
14.11.2026 Österreich, Salzburg, Rockhouse