Donnerstag, 15 Oktober 2026 18:00

Piss - You Made Me / Skin On Linen Tipp

Piss - You Made Me / Skin On Linen
    Noise Punk

    Label: Sub Pop Records / Cargo Records
    VÖ: 30.10.2026
    Bewertung:9/10

    PISS bei Bandcamp


Wenn ein Album dir nicht sanft die Hand reicht, sondern dir unvermittelt und mit Anlauf mitten ins Gesicht springt, dann ist es dieses. Das Debütalbum der aus Vancouver stammenden Band PISS trägt den Titel "You Made Me / Skin On Linen" – und es ist eines der intensivsten, kompromisslosesten und wichtigsten Alben der zweiten Jahreshälfte 2026.

"Bleach"-Kanalisierung und Sub-Pop-Tradition

Musikalisch bewegt sich das Quartett um Frontfrau Taylor Zantingh, Gitarrist Tyler Paterson, Bassist Gavin Moya und Drummer Garreth Roberts in einer schmerzhaften Schnittmenge aus Noiserock, Post-Hardcore, Spoken Word und Soundcollagen. Der verzerrte, rohe Sound beschwört Erinnerungen an das legendäre Debütalbum "Bleach" von NIRVANA herauf – dreckig, laut, ungeschliffen und voller ungestümer Energie. Dass "You Made Me / Skin On Linen" passenderweise auf dem Kultlabel Sub Pop Records erscheint, schließt diesen historischen Kreis perfekt.

Doch PISS nutzen diesen Lärm nicht als Selbstzweck. Aus jeder Note, jedem Ausbruch und jedem verzerrten Schreien spricht eine gigantische Energie, die rein aus Wut gespeist ist. Es ist eine Anklage gegen strukturelle und intime Gewalt an Frauen, gegen Misogynie, die gesellschaftliche Abstumpfung und das Aufwachsen in einer Vergewaltigungskultur.

Das Erstaunliche daran: Dieses Album ist zwar voller persönlicher Verletzungen und existenzieller Wut, aber es ist frei von stumpfem Hass.

PISS - "Blocking A Scene You Can’t Remember" Video

Die Zerrissenheit des Traumas

In der Struktur des Albums spiegelt sich eine tiefgehende Zerrissenheit wider – genau jene emotionale Amplitudenschwankung, wie sie Opfer von Gewalt durchleben. Das Werk pendelt unbarmherzig zwischen gellendem, befreiendem Schrei („I Wanted To Be A Singer“) und dem leisen, fast erstarrten Hinnehmen und Erdulden („I Keep Trying To Change The Ending“).

PISS unterstreichen diese Dynamik, indem sie intime, biografische Fragmente mit feministischer Theorie und Archivmaterial verweben. Zitate von Andrea Dworkin, Referenzen an den Prozess von Gisèle Pelicot und Tondokumente der deutschen Guerilla-Gruppe ROTE ZORA fügen sich wie Scherben zu einem komplexen Bild zusammen. Hier wird nichts romantisiert oder vereinfacht; das Album zwingt zum Hinsehen.

Fazit

"You Made Me / Skin On Linen" ist kein leichtes Album. Es ist eine Herausforderung, vielleicht nicht für jeden zu jedem Zeitpunkt zu ertragen, aber ein absolutes Must-Listen für dieses Jahr. PISS haben ein Werk geschaffen, das schmerzt, aufrüttelt und lange nachhallt. Für mich schon jetzt das Album des Monats und eines der absolut prägendsten Releases des Jahres 2026.

Anspieltipps:

  • Blocking A Scene You Can’t Remember (der zermürbende, hypnotische Slowcore-Höhepunkt)
  • I Wanted To Be A Singer (die ungeschönte, rohe Ansage direkt zu Beginn)

Tracklist:

  1. kai and friends
  2. i wanted to be a singer
  3. andrea I
  4. time loop at hot slit
  5. manon on the trial of gisele pelicot
  6. a little girl's horse craze betrays her
  7. toni
  8. there was a door
  9. andrea II
  10. how can you act opposite to this emotion
  11. blocking a scene you can't remember
  12. self-blame with thorn necklace and hummingbird
  13. vikki
  14. Rote Zora. Resistance is Possible. Emma, no. 6, June 1984, pp. 39-41
  15. i keep trying to change the ending
Heiko

Moin!
Ich bin Heiko Becker, Schleswig-Holsteiner von Geburt und seit vielen Jahren Wahlberliner. Musikalisch bin ich in den frühen 90ern groß geworden, mitten im Grunge und in dieser „angezerrten” Gitarrenmusik, die damals alles auf den Kopf gestellt hat. Nirvana, Guns N’ Roses, AC/DC, Pearl Jam, Foo Fighters, Machine Head, Pantera, Slayer, Metallica, Paradise Lost und Sick Of It All haben mich geprägt und lassen mich bis heute nicht los. Dazu kommen Rap, Hip-Hop und Songwriter, die mich genauso packen, solange die Musik handgemacht ist und etwas in mir auslöst.

Jahrelang habe ich mir als ganz normaler Besucher den Staub oder Schlamm von Roskilde, Wacken, Hurricane und Dynamo Open Air aus den Klamotten geschüttelt. Seit 2024 stehe ich dort endlich auf der anderen Seite des Grabens: als akkreditierter Fotograf, direkt vor der Bühne, mit der Kamera im Anschlag.Genau da fange ich Momente ein, die man nicht planen kann und die man nie wieder vergisst.

Für mich ist Musik vor allem eins: Gefühl. Ob mittendrin im Publikum oder hinter dem Sucher, am Ende zählt, dass sie unter die Haut geht und hängen bleibt.

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