"Bleach"-Kanalisierung und Sub-Pop-Tradition
Musikalisch bewegt sich das Quartett um Frontfrau Taylor Zantingh, Gitarrist Tyler Paterson, Bassist Gavin Moya und Drummer Garreth Roberts in einer schmerzhaften Schnittmenge aus Noiserock, Post-Hardcore, Spoken Word und Soundcollagen. Der verzerrte, rohe Sound beschwört Erinnerungen an das legendäre Debütalbum "Bleach" von NIRVANA herauf – dreckig, laut, ungeschliffen und voller ungestümer Energie. Dass "You Made Me / Skin On Linen" passenderweise auf dem Kultlabel Sub Pop Records erscheint, schließt diesen historischen Kreis perfekt.
Doch PISS nutzen diesen Lärm nicht als Selbstzweck. Aus jeder Note, jedem Ausbruch und jedem verzerrten Schreien spricht eine gigantische Energie, die rein aus Wut gespeist ist. Es ist eine Anklage gegen strukturelle und intime Gewalt an Frauen, gegen Misogynie, die gesellschaftliche Abstumpfung und das Aufwachsen in einer Vergewaltigungskultur.
Das Erstaunliche daran: Dieses Album ist zwar voller persönlicher Verletzungen und existenzieller Wut, aber es ist frei von stumpfem Hass.
Die Zerrissenheit des Traumas
In der Struktur des Albums spiegelt sich eine tiefgehende Zerrissenheit wider – genau jene emotionale Amplitudenschwankung, wie sie Opfer von Gewalt durchleben. Das Werk pendelt unbarmherzig zwischen gellendem, befreiendem Schrei („I Wanted To Be A Singer“) und dem leisen, fast erstarrten Hinnehmen und Erdulden („I Keep Trying To Change The Ending“).
PISS unterstreichen diese Dynamik, indem sie intime, biografische Fragmente mit feministischer Theorie und Archivmaterial verweben. Zitate von Andrea Dworkin, Referenzen an den Prozess von Gisèle Pelicot und Tondokumente der deutschen Guerilla-Gruppe ROTE ZORA fügen sich wie Scherben zu einem komplexen Bild zusammen. Hier wird nichts romantisiert oder vereinfacht; das Album zwingt zum Hinsehen.
Fazit
"You Made Me / Skin On Linen" ist kein leichtes Album. Es ist eine Herausforderung, vielleicht nicht für jeden zu jedem Zeitpunkt zu ertragen, aber ein absolutes Must-Listen für dieses Jahr. PISS haben ein Werk geschaffen, das schmerzt, aufrüttelt und lange nachhallt. Für mich schon jetzt das Album des Monats und eines der absolut prägendsten Releases des Jahres 2026.
Anspieltipps:
- Blocking A Scene You Can’t Remember (der zermürbende, hypnotische Slowcore-Höhepunkt)
- I Wanted To Be A Singer (die ungeschönte, rohe Ansage direkt zu Beginn)
Tracklist:
- kai and friends
- i wanted to be a singer
- andrea I
- time loop at hot slit
- manon on the trial of gisele pelicot
- a little girl's horse craze betrays her
- toni
- there was a door
- andrea II
- how can you act opposite to this emotion
- blocking a scene you can't remember
- self-blame with thorn necklace and hummingbird
- vikki
- Rote Zora. Resistance is Possible. Emma, no. 6, June 1984, pp. 39-41
- i keep trying to change the ending