Geschrieben von Donnerstag, 15 Oktober 2026 19:03

Mein Senf zu NIGHTWISH ohne Floor Jansen

NIGHTWISH während der Tour zu "Endless Forms Most Beautiful" in Oberhausen 2015 NIGHTWISH während der Tour zu "Endless Forms Most Beautiful" in Oberhausen 2015 Photo Credit: Markus Felix

© Markus Felix (talk to me), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

NIGHTWISH und Floor Jansen gehen getrennte Wege. 14 Jahre, nachdem die niederländische Sängerin der Symphonic-Metal-Insitution auf Tour den Arsch rettete. Ich bin fassungslos, vielleicht noch schockierter als nach dem hässlichen Rauswurf von Tarja Turunen 2005. Floor ohne NIGHTWISH? Geht. NIGHTWISH ohne Floor? Puh.

Als ich NIGHTWISH kennen und lieben gelernt habe

NIGHTWISH haben meine musikalische Identität seit Teenie-Tagen geprägt wie wenige andere Bands. Als ich im zarten Alter von 13 Jahren 1998 auf einem Rock-Hard-Sampler zum ersten Mal "Stargazers" hörte, klang das so unfassbar ungewohnt und neu. Schwindelerregend schnelle Gitarrenläufe und Keyboards, Doublebass und Bombast ohne Ende, dazu diese ungewöhnliche Opernstimme – nach kurzer Eingewöhnungszeit hatte ich mich verliebt.

Ich weiß noch, wie ein Jahr später zur Sonnenfinsternis "Sleeping Sun" in den deutschen Charts landete und sogar 1LIVE von dieser finnischen Band berichtete. Eine Metalband mit Opern-Vocals im Radio? Ich war stolz wie Bolle. "Wishmaster" habe ich rauf und runter gehört, "Century Child" und "Once" ebenso.

Bei der Trennung von Tarja dachte ich wie so viele andere Fans, dass es aus ist mit NIGHTWISH. Niemand würde jemals dieses außergewöhnlichen Organ ersetzen können. Mit dem Einstieg von Anette Olzon und "Dark Passion Play" wurde nicht nur ich eines Besseren belehrt. Nicht etwa, weil die schwedische Sängerin ihrer Vorgängern stimmlich auch nur ansatzweise glich – das tat sie nicht. Und genau das war zusammen mit der Soundtrack-lastigeren musikalischen Ausrichtung der nicht für möglich gehaltene Schritt in die Zukunft. Ohne Tarja.


NIGHTWISH mit Floor Jansen beim Hellfest 2022 (Photo Credit: Selbymay - Own work, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=146761186)

Wie so viele andere hatte ich im Arschgefühl, dass diese Zusammenarbeit nicht von Dauer sein würde. Es rumpelte, mal wieder. Erneut mit einem unschönen Geschmäckle. Doch viel Zeit, darüber nachzudenken, blieb nicht – denn mit Floor Jansen präsentieren NIGHTWISH das perfect match.

Die Niederländerin konnte stimmlich alles – die Rockröhre raus lassen, sich einschmeichelnd in die Gehörgänge winden und mit ihrem klassischen Sopran die Songs der Tarja-Ära mehr als würdig auf der Bühne intonieren. Die Studioalben "Endless Forms Most Beautiful", "Human :II: Nature" und "Yesterwynde" mochten trotz musikalischer Weiterentwicklung und mehr Folk-Anteilen vielleicht nicht an alte Glanzaten anknüpfen, doch einen Song wie "The Greatest Show On Earth" singt man auch nur einmal in seinem Leben. 

Während ihre Vorgängerin mit ihrer stimmlichen Limitiertheit und als Lückenfüllerin eine höchst undankbare Aufgabe einnahm, war alles an Floor Jansen perfekt für NIGHTWISH. Mit Erfahrungen aus Bands AFTER FOREVER, REVAMP und STAR ONE brachte sie eine eigenständige, selbstbewusste Energie auf die Bühne, stets sympathisch und bodenständig. Sie vereinte stimmlich das Beste aus den Vorgängerinnen und legte noch eins drauf. Sie war weder opernhafte Diva noch graues Mäuschen. MIt Gastauftritten bei AVANTASIA, AYREON und SABATON sowie Solo-Aktivitäten war sie stets auch außerhalb ihrer Hauptband präsent.

Woran hat et jelegen?

Man fragt sich unweigerlich, ob das der Grund für die Trennung war, oder zumindest dazu beitrug. Ob es sich nicht doch irgendwie schon abgezeichnet hatte, nachdem NIGHTWISH eine Pause eingelegt hatten, Tuomas Holopainen angab, an neuem Material zu arbeiten und Floor Jansen gleichzeitig noch nichts zur Zukunft ihrer Hauptband sagen konnte.

Diplomatisch formuliert darf man sich durchaus die Frage stellen, ob es bei der dritten Trennung von einer Frontfrau innerhalb von 30 Jahren stets an der jeweiligen Sängerin gelegen haben mag. Marco Hietala, auch nicht mehr Teil der Band, könnte vielleicht Auskunft geben. Der Bassist und Sänger fühlt sich anscheinend recht wohl dabei, wieder gemeinsam mit Tarja Turunen zu musizieren.

Es nützt alles nix – nach 14 Jahren, in denen die charismatische Floor Jansen mit ihrer enormen stimmlichen Variabilität den Sound von NIGHTWISH erheblich prägte, machen beide Parteien ihr eigenes Ding. Die finnische Symphonic-Metal-Institution will schon im nächsten Jahr ein neues Album aufnehmen. Die kommende Sängerin wird's nicht einfach haben. Nicht, weil die Fans sie nicht akzeptieren würden, oder weil es keine stimmlichen Ausnahmetalente gäbe. Aber man fragt sich schon: wie lange wird's diesmal gut gehen?

Floor Jansen hingegen kann sich voll und ganz auf ihre Solokarriere konzentrieren und muss niemandem mehr etwas beweisen. In den letzten Jahren hat sie mit ihren Outputs "Live In Amsterdam" und "Paragon" sowie Engagements bei "Beste Zangers" und "Sing meinen Song" mehr in der Öffentlichkeit gestanden als mit ihrer (ehemaligen) Hauptband. "Hytress" erscheint Anfang 2027, anschließend geht's auf Tour. Dann sicher auch mit ein paar NIGHTWISH-Songs im Gepäck. Denn das vielleicht Wichtigste, was nach dieser Hiobsbotschaft für alle Fans hängen bleibt, ist: NIGHTWISH sind weit mehr als Tuomas Holopainen, musikalisches Genie und egozentrischer Teufel zugleich.

Wer's nicht glaubt, gönne sich bitte das Epos "Ghost Love Score" in seiner ultimativen Version vom Wacken Open Air 2013:

Oder "Euphoria", Floors grandiose Coverversion des ESC-Siegersongs von Loreen:

Das ist Magie, die bleiben wird. Und den Schock lindert. Denn, wie bereits erwähnt: Floor Jansen ohne NIGHTWISH, das ging und geht. Andersherum wird's spannend.

Chrischi

Musik ist immer da. Sie ist ein Geschenk und wird nie vergehen. Sie ist Seelentröster, Stimmungsmacher, Runterbringer, Frustbewältigung, Freiheit und Gefühl. Und weil sie oft genug so unfassbar geil ist, sollten wir drüber reden. 

Stile: Metal und (Hard) Rock in allen möglichen Facetten – von knüppelhart über symphonisch bis vertrackt und balladesk.

Bands: Metallica, Iron Maiden, Bruce Dickinson, Blind Guardian, Avantasia, Helloween, Nightwish, Ayreon, Dream Theater, Lorna Shore, Wintersun, Opeth, Foo Fighters, Pearl Jam, Linkin Park, Motörhead, AC/DC, Rammstein, Armored Saint, Night Demon, Hans Zimmer und so verflucht viele mehr ...

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