Von prall gefüllten Getränkekühlschränken über verschwundene Nonnen bis hin zu Liebeserklärungen an die eigenen Kinder, abgrundtief traurigem Trennungsschmerz und Meta-Songs über das Songschreiben – bei der belgischen Punkrock-Institution F.O.D. ist das Themenspektrum so bunt gemischt wie ein guter Salat, stets durchzogen von einer großen Schippe Individualität und einer wohldosierten Prise Feinsinnigkeit. Und definitiv deutlich cooler formuliert als dieser Vorspanntext. Lassen wir lieber den Mann zu Wort kommen, ohne den es bei F.O.D. weder Musik noch Lyrics gäbe: Hans Roofthooft (v., g.). Interviews sind laut eigener Aussage „nicht so sein Ding“ – daher wussten wir es umso mehr zu schätzen, ihn im Rahmen eines Bandgesprächs zusätzlich für „Letters & Matters“ ausquetschen zu dürfen.
Hans, du bist Hauptsongwriter bei F.O.D. und schreibst natürlich auch für dein Soloprojekt. Wie wichtig sind dir Songtexte im Vergleich zur Musik?
Die Texte sind wichtig, aber die Musik kommt immer zuerst. Ich glaube, 95 % der Songs, die ich schreibe, beginnen mit einer Melodie, und dann fange ich an, nach einem Text zu suchen. Aber am Ende sind die meisten Texte dann doch wichtig. Ich möchte Dinge singen, die etwas bedeuten, zumindest für mich. Deshalb werden sie meistens persönlich, vielleicht ein bisschen zu persönlich.
Ich möchte Dinge singen, die etwas bedeuten, zumindest für mich.
Erst den Text zu schreiben und dann die Musik dafür zu finden wäre also nichts für dich?
Das wäre jedenfalls recht ungewöhnlich, zumindest bei einem kompletten Song. Allerdings kommt es schon ab und zu vor, dass mir eine Zeile einfällt oder ein paar Wörter, bei denen ich denke, „Oh, die klingen gut. Vielleicht kann ich etwas drumherum schreiben.“ Aber dann muss ich eigentlich auch schon eine gute Melodielinie haben. Bei „Carry On“ gab es zum Beispiel von Anfang an die Zeile „Carry on / There will be someone to guide you“ – Text und Melodie. Von da aus habe ich dann zuerst an der Melodie weitergearbeitet und danach am Rest des Textes.
Wenn du privat andere Bands oder Künstler hörst, achtest du dann auch auf die Lyrics?
Eigentlich nicht so sehr. Früher schon. Als ich noch viel jünger war, habe ich gerne mit den Booklets meiner neuen CDs auf meinem Bett gelegen und die Texte gelesen. Aber heute habe ich keine Zeit mehr, mich mit den Texten eines neuen Albums hinzusetzen.
Wie kommst du auf die Themen für deine Texte? Wo findest du die Inspiration dafür, worüber du schreiben möchtest?
Normalerweise sind das Dinge, die mir in meinem Alltag passieren oder die ich irgendwo mitbekomme. Was ich in den Nachrichten sehe, was innerhalb der Band passiert, Familie, Kinder, solche Sachen. Um mich herum passiert immer viel zu viel, deshalb ist es nicht schwer, einfach davon etwas auszuwählen.
Das stimmt, ihr habt erstaunlich viele Texte über ganz bodenständige Alltags- und Beziehungsthemen – obwohl Punk ja auch ein sehr politisches Genre ist. Wie wichtig ist es dir, durch Musik eine bestimmte Haltung auszudrücken oder gesellschaftliche Zustände zu kritisieren?
Ich denke, das ist wichtig, aber ich möchte kein komplettes Album darüber schreiben. Es gibt Bands, die das machen, und das ist natürlich okay, aber nicht ganz meins. Es gibt auch andere Dinge, über die man reden kann. Und ich denke, wenn du irgendein F.O.D.-Album hörst, weißt du, wo wir politisch stehen. Also müssen wir nicht allzu viele Songs darüber machen, die das noch weiter auswalzen.
Wenn ich irgendjemandem helfen kann, sich weniger allein zu fühlen,dann gibt mir das ein gutes Gefühl.
Positiv auffällig ist auch, dass du keine Angst davor hast, über persönliche Gefühle und mentale Zustände zu sprechen. Das merkt man in Songs wie „Autism Spectrum Disorder Blues“, „High Street Gloria“, „Thirtysomething and Counting“ und etlichen mehr. Was sollen die Hörer optimalerweise aus solchen Songs mitnehmen?
Naja, ich habe Autismus. Und lange Zeit kannte ich niemand anderen, der es hatte. Ich musste es irgendwie vor dem Rest der Welt verstecken oder so tun, als würde es nicht existieren, und versuchen, mich so zu verhalten wie alle anderen. Durch diese Songs habe ich meine Einstellung dazu irgendwie geändert. Ich bin nicht der Einzige, dem es so geht. Und wenn es irgendjemandem helfen kann, sich dadurch weniger allein mit der Problematik zu fühlen, dann gibt mir das ein gutes Gefühl.
Seit 2011 sind F.O.D. eine feste Größe im belgischen Punkrock.
Dein Schreibstil ist meist ganz schlicht und direkt, andererseits bindet er aber immer wieder geschickt clevere Feinheiten, Wortspiele und interessante Formulierungen ein. Genau diese Kombination gefällt mir sehr. Legst du Wert auf einen bestimmten Stil? Was ist dir bei der Form deiner Texte wichtig?
Darüber denke ich gar nicht nach. Wahrscheinlich schreibe ich relativ schlicht, weil ich kein Muttersprachler bin. Wenn ich also irgendwelche Wörter brauche, die ich auf Englisch nicht kenne, schlage ich sie nach, und ich freue mich immer, wenn ich ein anderes Wort finde, das sich darauf reimt.
Na komm, es ist schon deutlich mehr als das, oder?
Na ja, beim ersten Entwurf ist es wirklich so. Aber ich stelle einen Text selten in einem Durchgang fertig. Fast nie. Ich gehe manchmal zehnmal wieder dran, um ihn zu verbessern oder etwas hinzuzufügen oder zu ändern, bis ich denke, dass er gut genug ist, um damit rauszugehen.
Das ist es wahrscheinlich, was sich auszahlt. Und hast du das Gefühl, dass sich dein Stil über die Jahre verändert oder weiterentwickelt hat?
Ich hoffe, ich schreibe heute besser als vor ungefähr 30 Jahren. Aber ich glaube, bei den eigenen Texten ist das sehr schwer zu beurteilen. Manchmal schreibe ich bewusst simpler als früher. Weil ich denke, das ist für andere Leute, die keine Muttersprachler sind, besser zu verstehen als zum Beispiel ein durchschnittlicher BAD-RELIGION-Song. Ich liebe deren Musik, aber manchmal habe ich keine Ahnung, worum es geht, weil die Sprache so anspruchsvoll ist oder der Kontext fehlt. Das Gleiche gilt vielleicht auch für FRENZAL RHOMB (Anm. D. Red.: In F.O.D.s FRENZAL-RHOMB-Hommage „Frenzal Records“ wird die Unverständlichkeit mancher Texte erwähnt). Um einen F.O.D.-Song zu verstehen, brauchst du kein Wörterbuch, glaube ich.
Der Ort, an dem ich meinen inneren Frieden finden kann, muss aus mir selbst kommen.
Als ich dich nach einem Song für heute gefragt habe, konntest du dich nicht zwischen „Homeward Bound“ und „Feeling Gay“ entscheiden. Dabei ist mir aufgefallen, dass diese Entscheidung vielleicht gar nicht nötig ist, weil beide Songs dasselbe Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven beschreiben: die Flucht an einen Rückzugsort, an dem du deine Ruhe vor dem Alltag und den Ansprüchen anderer Menschen finden kannst. Stimmt das?
Ja, genau. Und es geht dabei nicht um einen physischen, sondern eher einen gedanklichen Ort. Den Ort, an dem ich meinen inneren Frieden finden kann, habe ich physisch nie gefunden – also muss er aus mir selbst kommen. Und der Unterschied zwischen den beiden Songtexten ist: Bei „Homeward Bound“ geht es um den Versuch, vor allem wegzulaufen – das ist gar nicht unbedingt gut. Bei „Feeling Gay“ geht es darum, das Gefühl des Alleinseins zu genießen und anzunehmen und sein eigenes Ding daraus zu machen.
Hast du an „Homeward Bound“ gedacht, als du „Feeling Gay“ geschrieben hast?
Nein, der ist vollkommen unabhängig entstanden.
Für mich gibt es noch einen dritten Song mit ähnlichem Thema: „On an Island“. Da geht es ja um die Flucht auf eine imaginäre einsame Insel, auf der man endlich mal seine Ruhe hat. Siehst du diesen Track auch in der gleichen thematischen Reihe?
Eigentlich hat Stijn (v.) diese Lyrics geschrieben. Er hat mir seine Ideen auf Niederländisch geschickt und ich habe daraus einen englischen Text gemacht, also sind es mehr oder weniger seine Worte. Thematisch könnte man sagen, es ist die „angepisste“ Version: „Lasst mich einfach in Ruhe, lasst mich machen, was ich will“. Es geht also nicht um die Erwartungen anderer wie bei „Homeward Bound“. Und „Feeling Gay“ – naja, das ist schon auch „Lasst mich machen“, aber positiver, glaube ich.
Verstehe ich es richtig, dass „gay“ in diesem Fall eine altmodische Ausdrucksweise für „fröhlich“ ist, aber gleichzeitig auch als Wortspiel funktioniert?
Genau. Im Storykonzept von „Sleepville“ geht es ja um ein lesbisches Paar, daher hat der zweideutige Titel auf diesem Album sehr gut gepasst. Das hat sich schön zusammengefügt.
Dann lass uns in einen zweiten Song noch ein bisschen tiefer einsteigen. Ich habe „Left“ von eurem neuesten Album „The Once A Virgin Club“ ausgewählt – einen der eindeutig politischen. Es geht um typische Moralapostel, die versuchen, sich als besonders tugendhaft darzustellen, aber schnell als eher performativ oder heuchlerisch entlarvt werden können. Stimmt das soweit?
Ja.
Was mir an dem Text besonders gefällt, ist der sarkastische Unterton. Aber an einer Stelle bin ich mir bei der Position der sprechenden Person nicht ganz sicher. Sie sagt, dass es keine Rolle spielt, was wir wählen oder wie wir uns verhalten, weil es sowieso nichts verändert. Ist das wirklich deine persönliche Meinung oder ging es darum, zwei verschiedene Seiten zu zeigen – den Moralapostel und den frustrierten Typen?
Schwierige Frage. Naja, es ist schon irgendwie ernst gemeint. Durchaus ein politikverdrossenes Statement. Für mich fühlt es sich so an, als wäre es egal, wen man wählt, am Ende kommt nichts wirklich Gutes dabei heraus. Selbst wenn du Leute aus dem linken Spektrum wählst, scheint es irgendwie nicht zu funktionieren. Und je radikaler sie sind, desto weniger funktioniert es auch. Wenn morgen in Belgien Wahlen wären, hätte ich keine Ahnung, wen ich wählen sollte. Niemand beweist irgendwie, dass man ihm vertrauen kann.
Was ist dann deine persönliche Botschaft dieses Songs? Was soll man daraus mitnehmen?
Ich glaube, ich bin links, aber ich brauche niemanden, der mir sagt, dass ich nicht links genug bin oder noch linker werden müsste oder was auch immer. Denn jeder, den ich ganz weit links sehe, macht meiner Meinung nach nichts besser als die Leute auf der rechten Seite. Sie isolieren sich einfach von allem und schreien so laut sie können, damit sie gehört werden, aber erreichen damit nicht wirklich etwas.
Würdest du sagen, dass wir als Individuen Einfluss auf die Gesellschaft nehmen können? Oder können wir gar nichts tun?
Als Individuen? Glaube ich nicht, nein. Ich meine, schau dir an, was heute in der Welt passiert. Es sind ungefähr zehn oder zwanzig Leute, die entscheiden, was alle anderen machen müssen.
Ja, du kannst sehr laut schreien, aber dann verlierst du einfach deine Stimme.
Würdest du dir also für deine Kinder eher einen starken Willen wünschen, etwas zu verändern, oder eher eine entspannte Akzeptanz, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind?
Ich hoffe, meine Kinder sagen ihre Meinung und stehen für das ein, was sie denken. Aber ich hoffe, sie fangen nicht an, gegen alles zu kämpfen, was passiert. Sie werden akzeptieren müssen, dass die Welt ist, wie sie ist, und dass man als Einzelner nicht wirklich etwas verändern kann. Ja, du kannst sehr laut schreien, aber dann verlierst du einfach deine Stimme, vermute ich.
Kommen wir wieder zurück zu leichteren Themen – naja, wie man’s nimmt ... Hast du jemals KI auf irgendeine Art benutzt, um dir beim Verfassen von Songtexten helfen zu lassen?
Bei meinem letzten Soloalbum „Noord“ habe ich das gemacht. Ich hatte ungefähr zwei Wochen, um alles zu schreiben und aufzunehmen, deshalb hatte ich nicht die Zeit, meine Texte immer wieder zu überarbeiten, wie ich es normalerweise mache. Wenn ich also einen Text hatte, der für mich fertig war, habe ich die KI gefragt, ob man noch etwas verbessern könnte. Ich schätze, es sind 80–90 % von mir, und beim Rest hat mir die KI geholfen.
Da ging es also eher ums Überarbeiten und nicht wirklich ums Generieren.
Genau, ich lasse keine Texte neu schreiben, aber gerade bei sprachlichen Fehlern bzw. holprig klingenden Ausdrucksweisen ist KI-Hilfe schon sehr nützlich. Es können schließlich immer mal Sachen drin sein, die ein Engländer oder Amerikaner niemals so sagen würde. Früher habe ich meine Texte immer an Hanne von FOR I AM geschickt. Sie ist Englischlehrerin und hat dann Korrektur gelesen. Inzwischen muss ich ihre Zeit nicht mehr beanspruchen, dafür nutze ich die KI.
Ich würde gerne ein fröhliches Album schreiben. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich das machen soll.
Worüber würdest du noch gerne schreiben? Hast du schon Ideen für zukünftige Songtexte?
Ich würde wirklich gerne ein fröhliches Album schreiben. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich das machen soll. Lode (dr.) kann das bestätigen. Als er vor zwei Jahren geheiratet hat, hat er mich gefragt, ob ich bei der Zeremonie ein paar F.O.D.-Songs spielen könnte. Ich sagte: „Ja, klar. Welche denn?“ Und dann wurde es ziemlich still. Er wollte fröhliche Songs, aber davon gab es nicht so viele.
Ihr habt doch ein paar sehr fröhliche und romantische Songs auf „Tricks of the Trade“ oder auch auf der „Something More“-EP!
Das Ding ist, diese Songs handeln von meiner Ex-Frau. Ich kann die nicht mehr singen, weil die Texte inhaltlich einfach nicht mehr stimmen.
Das ist verständlich. Dann freue ich mich auf ein paar neue, fröhliche Songs. Ich finde, musikalisch hören sich ganz viele F.O.D.-Songs ohnehin sehr happy an – erst wenn man in den Text schaut, erkennt man, dass es eigentlich überhaupt nicht lustig ist.
Stimmt, die Musik fällt mir in dieser Hinsicht leichter, ich brauche nur noch die passenden Texte. Ich werde es versuchen.