Geschrieben von Mittwoch, 09 September 2026 19:13

Letters & Matters mit SONATA ARCTICA – Lyrics-Talk Nr. 4

Früher sei er viel für seine Texte kritisiert worden, weil sie nicht „typisch Power Metal“ seien, sagt Tony Kakko (51), Sänger und Frontmann bei SONATA ARCTICA. Zum Glück hat er sich davon nie etwas angenommen. Früher sei er viel für seine Texte kritisiert worden, weil sie nicht „typisch Power Metal“ seien, sagt Tony Kakko (51), Sänger und Frontmann bei SONATA ARCTICA. Zum Glück hat er sich davon nie etwas angenommen. Alle Fotos: Anne

Texte sind doch nur schmückendes Beiwerk – Hauptsache, die Musik knallt. Oder etwa nicht? In dieser Rubrik sprechen wir in unregelmäßigen Abständen über Lyrics. Und zwar direkt mit denen, die sie schreiben!

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Er kann alles außer Drachen. Kreative Literaturadaptionen, mysteriöse Vibe-Poesie, bildgewaltige und oft abgründige eigene Geschichten, gesellschaftskritische Aufrüttel-Songs und humoristische Blödeleien irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn – durch diverseste Welten bewegt sich Tony Kakko, Frontmann der Melodic-Metal-Instanz SONATA ARCTICA, scheinbar ganz locker-flockig. Das alles haut er aber nur raus, weil er’s halt irgendwie muss – und leidet dabei heftig, wenn man seinen bisweilen überraschenden Ausführungen Glauben schenkt. Kurz vor der aktuell laufenden Südamerikatour nimmt sich der finnische Meister ausführlich und gut gelaunt Zeit für einen Deep Dive in seine Lyrics.

Tony, Sonata Arctica feiert dieses Jahr 30-jähriges Jubiläum, und du bist von Anfang an der Haupt-Songwriter und Texter der Band gewesen. Wie wichtig sind dir persönlich die Texte im Vergleich zur Musik?

Mit zunehmendem Alter immer wichtiger. Früher, auf den ersten Alben, waren die Texte eigentlich nur etwas, das ich gesungen habe, damit ich eben irgendetwas zu singen hatte. Und ich war mir ziemlich sicher, dass sowieso niemand groß darauf achten würde, was ich da eigentlich singe. Trotzdem habe ich versucht, Geschichten zu erzählen. Und je älter ich wurde, desto mehr Bedeutung haben die Texte für mich bekommen.

Tatsächlich sagen die meisten Musiker, dass zuerst die Musik entsteht und sie anschließend versuchen, einen passenden Text dazu zu finden. War es bei dir auch schon einmal umgekehrt?

Ich hatte noch nie von Anfang an einen kompletten Text fertig. Vielleicht ein paar Textzeilen, von denen ich wusste, dass ich sie unbedingt in einem Song haben wollte – sozusagen als kleine Keimzellen – und darum herum habe ich dann angefangen, den Song zu komponieren. Den Großteil habe ich aber trotzdem erst hinterher geschrieben. Manchmal musste ich dann sogar die ursprüngliche Zeile noch etwas verändern, weil der Song während des Schreibens eine andere Richtung eingeschlagen hatte.

Generell ist Texten für mich der mühsamste und schwierigste Teil des gesamten Prozesses. Die Musik kommt einfach – sie strömt geradezu aus mir heraus, und Songs zu schreiben ist für mich pure Freude. Das ist das Allerschönste an diesem Beruf. Aber jedes Mal – obwohl ich wirklich versuche, es zu vermeiden – lande ich am Ende wieder in derselben Situation: Ich habe zehn, zwölf, dreizehn Songs und noch überhaupt keine Texte. Und der darauffolgende Monat wird dann ziemlich anstrengend.

Verrückt, denn anders als bei vielen anderen Bands finde ich, dass eure Songs oft sogar ohne die Musik als Gedichte funktionieren. Manchmal schreibst du ja sogar kleine Kurzgeschichten. Da fällt es schwer zu glauben, dass die Texte einfach nachträglich „draufgeklatscht“ wurden.

Ja, manchmal – wenn auch selten – musste ich einen Song ein wenig verändern, um ihn an einen Text anzupassen, der mir eingefallen war. Weil ich gemerkt habe, dass der Text an dieser Stelle noch ein bestimmtes Element braucht, damit die Geschichte vollständig ist. Dann schreibt man diesen kleinen Teil der Musik einfach noch einmal um. Und dann funktioniert es.

Bei vielen Bands ertappe ich mich oft bei dem Gedanken: „Wow, cooler Song, tolle Melodie“. Und dann achte ich auf den Text und merke, dass der doch sehr banal ist oder die Silben nicht richtig zum Rhythmus der Musik passen. Bei deinen Songs ist das anders. Musik und Text wirken meist so, als würden sie fest zusammengehören. Hast du im Laufe der Zeit eine bestimmte kreative Technik entwickelt, mit der dir das gelingt?

Ich schreibe die Texte oft mehrmals um. Die erste Version ist eigentlich nur ein Entwurf, und manchmal verändert sich der gesamte Text, wenn ich plötzlich merke, dass da an irgendeiner Stelle eine Zeile auftaucht, die eine völlig neue Geschichte aufmacht. Dann wird mir klar, worum es in diesem Song eigentlich geht, was er sein will. Und dann muss ich den alten Text verwerfen und das Ganze noch einmal komplett neu schreiben. Normalerweise braucht es einige Durchgänge, bis der Text wirklich fertig ist.

Und dann geht das Ganze noch einmal von vorne los, wenn ich den Song tatsächlich einsinge. Dann merke ich plötzlich, dass ich mich beim Schreiben gewissermaßen selbst in eine Ecke manövriert habe – dass ich hier zum Beispiel keine Zeit zum Atmen habe oder irgendwo ein unpassender Vokal steht. Dann ändere ich eben etwas, nehme mir ein bisschen dichterische Freiheit und drehe ein Wort ein wenig so hin, wie ich es brauche. Es ist ja meine Kunst, und damit kann ich im Grunde machen, was ich will. Zumindest so lange, bis sie irgendwann der Welt gehört. Dann ist sie sozusagen festgeschrieben. Aber wenn wir einen Song live spielen, kann es trotzdem immer mal wieder eine Art „Tagesversion“ geben. Ich behalte mir immer das Recht vor, den Text live ein bisschen zu verändern.

Eure Musik lässt sich (zum Glück) nicht so leicht in eine Schublade stecken. Aber wenn wir mal von Power Metal ausgehen, dann stechen deine Texte schon deutlich heraus: Liebe, Natur, Gesellschaft, Familie oder fiktive Geschichten … Und wenn es mal ein bisschen in Richtung Fantasy geht, ist dein Ansatz ein völlig anderer als man es im Power Metal gewohnt ist. Wolltest du schon immer bewusst etwas anderes machen, oder passiert das einfach ganz natürlich, sobald du anfängst zu schreiben?

Ich bin mit einer völlig anderen Art von Musik aufgewachsen, zum Beispiel mit QUEEN, und da gab es nicht besonders viele Schwerter, Ritter und Drachen. Sowas war einfach nie mein Ding. Also habe ich stattdessen lieber meinen eigenen Stil eingeführt – und gerade in der Anfangszeit musste ich dafür ziemlich viel Kritik einstecken. Für viele Fans war das offenbar etwas Neues, und das ist wohl auch der Grund, warum wir nie so richtig sauber in die Power-Metal-Schublade gepasst haben.

Aber in gewisser Weise funktionieren wir, wenn man so will, wie eine Einstiegsdroge in den Metal. Manche Leute haben sich in unsere Band verliebt, weil sie darin etwas gefunden haben, mit dem sie sich identifizieren konnten – etwas, das sie berührt hat. Und heute hören sie Black Metal, weil sie immer tiefer eingetaucht sind und sich das Ganze immer weiterentwickelt hat. Das gibt mir auch auf eine Art die Bestätigung, dass wir eine Bedeutung für die Metal-Szene haben. Obwohl wir nun wirklich nicht die metallischste Band überhaupt sind – und das auch nie von uns behauptet haben.

Wenn das, was du schreibst, nicht irgendetwas in dir selbst berührt, wie kannst du dann erwarten, jemand anderen damit zu berühren?

Du hast QUEEN erwähnt. Würdest du sie oder bestimmte andere Künstler denn als Idole oder Vorbilder bezeichnen, wenn es ums Schreiben von Songtexten geht?

Nein, das nicht. Ich weiß gar nicht, ob ich so etwas überhaupt habe. Ich mache einfach mein eigenes Ding und versuche, Inhalte zu finden, die mich auf irgendeine Weise berühren. Denn im Grunde denke ich: Wenn das, was du schreibst, nicht irgendetwas in dir selbst berührt, wie kannst du dann erwarten, jemand anderen damit zu berühren?

Selbst wenn es nur ausgedacht ist und überhaupt nichts mit deiner eigenen Lebenswelt zu tun hat. So muss es sein, wenn man einen wunderschönen, traurigen Film schreibt und plötzlich läuft dir eine Träne über die Wange und du denkst: „Wow, das wird jemanden wirklich tief berühren.“

Was neben den Themen auffällt, ist deine Sprache und dein Stil. Du schreibst sehr vielseitig – manchmal kann es total albern sein und dann wieder super anspruchsvoll oder geheimnisvoll. Ist dir ein bestimmter Schreibstil wichtig?

Ich habe eigentlich überhaupt kein bestimmtes Muster, keine feste Form, in die ich meine Texte zu pressen versuche. Ich schreibe einfach und schaue, was dabei herauskommt. Und manchmal fange ich mit völligem Kauderwelsch an, einfach nur dummes Zeug. Aber beim Überarbeiten merke ich dann manchmal, dass ich etwas von dieser Albernheit im Song behalten möchte, weil es sich irgendwie richtig und passend anfühlt.

Wir sind in dieser Hinsicht auch nicht die ernsteste Band der Welt. Wir nehmen unsere Sache zwar ernst, aber wir können eben auch mal herumalbern. Und oft ist es vielleicht gerade so etwas, das einem beim Hören ins Ohr springt. So nach dem Motto: „Hä? Was hat er da gerade gesungen?“ Und dann hört man sich tatsächlich den ganzen Song an – und am Ende gefällt er einem vielleicht sogar.

Hast du das Gefühl, dass sich dein Stil in den 30 Jahren deiner musikalischen Karriere weiterentwickelt hat?

Auf jeden Fall. Ich bin mir heute viel bewusster darüber, was ich tue, und womit ich all diese Jahre meinen Lebensunterhalt verdient habe. Vielleicht wären wir größer, wenn wir mehr businessmäßig denken würden und wenn mein Songwriting irgendwie fokussierter wäre, nicht in alle möglichen Richtungen gehen würde, und wenn wir bewusst versuchen würden, eine bestimmte Zielgruppe anzusprechen. Aber ich habe nie wirklich strategisch darüber nachgedacht, wie ich meine Texte schreibe, und das tue ich auch heute noch nicht. Trotzdem möchte ich diese Aufgabe auf keinen Fall jemand anderem überlassen. Ich will das unbedingt selbst machen, weil ich auch das Gefühl habe, dass ich letztendlich der Richtige dafür bin.

Hauptsächlich haben sich die Botschaften meiner Texte ein wenig verändert, als ich angefangen habe, mir mehr Gedanken über die Umwelt zu machen. Das fiel ungefähr mit der Gründung meiner Familie zusammen. Mir wurde bewusst, dass es doch ziemlich schön wäre, wenn für die Kinder noch ein Planet übrig wäre, auf dem sie leben und die Reise der Menschheit fortsetzen können. Solche Themen sind deshalb zu einem größeren Bestandteil meiner Texte geworden. Aber ich versuche, nicht zu sehr zu predigen. Das ist eine Gratwanderung. Ich möchte die Menschen eher zum Nachdenken bringen, statt zu versuchen, ihnen irgendetwas aufzuzwingen.

Sonata 02Tony Kakko auf dem Epic Fest in Roskilde, Dänemark, bei einer Show anlässlich des 30-jährigen Bandjubiläums

Apropos Umweltthemen, lass uns mal einen Blick auf den Song „Closer To An Animal“ werfen. Die Botschaft ist in sich sehr schlüssig: Wir sollten aufhören, aus Gier unseren Planeten zu zerstören. Allerdings frage ich mich, wie du hier das Wesen des Tieres darstellen möchtest. Im Refrain kommt es für mich rüber, als wäre das Wilde, Ursprüngliche, Instinktgesteuerte etwas Negatives, weil wir nicht moralisch denken und uns nur um uns selbst kümmern. Aber in der gesprochenen Passage am Ende heißt es: „I need to get closer to my inner animal.“ Da wirkt es wiederum eher positiv, uns von dem Menschlichen zu distanzieren, das diesen Planeten zerstört. Ist diese Mehrdeutigkeit beabsichtigt?

Am Anfang des Songs ist es eher als Hoffnung gemeint. So im Sinne von: „Ich hoffe, dass wir dem Tier wieder näherkommen“. Denn der Mensch ist das einzige Tier, das wissentlich diesen Planeten zerstört – den bislang einzigen Ort, an dem wir leben können. Wir verhalten uns also auf eine Art, die genau dazu führt, obwohl wir wissen, dass es passiert.

Das heißt, im Refrain beziehst du dich schon auf das Fazit, das später kommt?

Ja, im Grunde schon. Auf etwas, von dem ich hoffe, dass es passieren wird. Es ist ermutigend gemeint – so, als würde man einem Kind sagen: „Du machst das wirklich, wirklich gut“, obwohl es in Wirklichkeit überhaupt nichts „wirklich, wirklich gut“ macht. Nur eine Ermutigung für die Menschen, sich in die richtige Richtung zu bewegen.

Einzelne Menschen können klug sein, aber Menschen in der Masse sind dumm.

Vor Kurzem habe ich mit einem anderen Sänger darüber gesprochen, ob wir als Einzelne überhaupt etwas bewirken können, wenn es um unsere Zukunft geht, und er war da sehr pessimistisch. Wie siehst du das?

Das sehe ich genauso. Es müsste von den Regierungen kommen, auf politischer Ebene. Alle Nationen müssten sich einfach darauf einigen: „So machen wir es jetzt“. Mit dem Klimawandel ist es, als würde gerade ein riesiger Asteroid auf die Erde zurasen und wir müssten unsere Kräfte bündeln, um ihn irgendwie von seiner Bahn abzubringen.

Aber es ist ohnehin absurd: Wenn man die gesamte Geschichte des Planeten Erde auf einen einzigen Tag komprimiert, dann waren die Dinosaurier ungefähr 52 Minuten lang hier oder so. Danach gab es etwa 20 Minuten Ruhe, in denen sich die Säugetiere entwickelten, und wir Menschen sind gerade einmal seit den letzten sechs Sekunden des gesamten Tages hier. Die 5.000 Jahre aufgezeichneter Menschheitsgeschichte entsprechen vielleicht 0,1 Sekunden davon.

Im Grunde haben wir also, gemessen an der Erde, überhaupt keine Bedeutung. Es wäre schon erstaunlich, wenn wir es auf zehn Sekunden schaffen würden. Und einzelne Menschen können klug sein, aber Menschen in der Masse sind dumm. Wir können nur hoffen, dass die Menschen, die wir an die Macht gewählt haben, auch den Willen haben, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Es gibt noch eine sehr interessante zweite Version dieses Songs, in der du das Ganze auf eine persönliche Beziehung überträgst. Dabei verwendest du teilweise dieselben Worte, teilweise aber auch andere …

Das ist übrigens die ursprüngliche Version des Songs. Eine langsame Ballade, so ein bisschen im Stil von LANA DEL REY. Ich finde, der Song würde so gut zu ihr passen! Ja, oft beginnt ein Song bei mir erstmal als Ballade, mit schönen Melodien und Akkordfolgen. Am Klavier ist das einfach leichter.

Oh, wie bist du dann nach dieser ursprünglichen Ballade auf die Idee für die völlig andere Version gekommen?

Das hat sich irgendwie nach und nach entwickelt, und beide Versionen haben eine Zeit lang nebeneinander her existiert. Als ich mit der Ballade fertig war, wurde mir klar, dass wir am Anfang des Albums einen etwas schnelleren Song brauchten, also habe ich etwas mehr Energie reingebracht. Und ich hatte das Gefühl, dass diese Version auch einen anderen Text brauchte. So entwickelte sie sich langsam zu etwas mit einer allgemeingültigeren Bedeutung.

Dann habe ich die anderen Jungs gefragt, welche Version wir auf das Album nehmen sollten, und sie wollten die schnellere. Und ich dachte mir: „Warum müssen wir uns überhaupt entscheiden? Warum können wir nicht einfach beide draufpacken?“ Ich finde, beide Versionen funktionieren wirklich gut und beide haben ein Leben verdient. Der langsamen Version habe ich dann den Untertitel „Closure To An Animal“ gegeben, womit ich quasi andeuten wollte, dass sich damit der Kreis schließt. Ich finde, das war ein ziemlich cleverer Move (lacht). Aber ich liebe beide Versionen des Songs.

„Closer To An Animal“ vom Album „The Ninth Hour“ (2016) glänzt mit Zeilen wie „When the glacier of our broken dreams / Melts in your champagne glass“.

Der Song, den du für heute ausgewählt hast, ist „I Have A Right“. Nicht unbedingt mein persönlicher Favorit, aber ein sehr beliebter Hit. Es geht um Kinderrechte und -bedürfnisse und du hast den Song geschrieben, als du gerade zum ersten Mal Vater geworden warst. War es von Anfang an eine bewusste Entscheidung, die Perspektive eines bestimmten Kindes einzunehmen und es selbst sprechen zu lassen, anstatt das Thema abstrakter oder allgemeiner zu behandeln?

Als ich den Song geschrieben habe, war das Album eigentlich schon fast fertig. Ich hatte etwas Zeit und habe einfach ein bisschen herumgespielt, und plötzlich kam mir das so in den Sinn: „I have a right to be heard, to be seen, to be loved, to be free …“ (singt). Das war der Ausgangspunkt für das Ganze. Und um diesen Grundgedanken herum ließ sich der Text sehr leicht aufbauen. Man hätte damit natürlich auch in viele andere Richtungen gehen können. Aber für mich gab es zu diesem Zeitpunkt und in meiner damaligen Lebenssituation eigentlich keinen anderen Weg, als die Botschaft an Eltern zu richten. Und damit war auch klar, dass der Rest des Songs aus dieser Ich-Perspektive erzählt werden musste.

Aber der Song basiert nicht auf meinem eigenen Leben. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich ungefähr neun oder zehn Jahre alt war, aber mein Vater ist der netteste Kerl überhaupt. Ich liebe ihn einfach. Irgendwann habe ich mal mit ihm darüber gesprochen und meinte: „Hast du dir den Text eigentlich mal angehört? Du weißt schon, dass es da nicht um dich geht, oder? Mach dir keine Gedanken!“ Mir war wichtig, dass er nicht denkt, der Song handle von ihm. In diesem Sinne ist es also kein persönlicher Song. Ich wollte damit einfach versuchen, die Leute wachzurütteln.

Der Song hat bei unglaublich vielen Menschen etwas ausgelöst, und er wurde auch von vielen Lehrern und in Charity-Projekten eingesetzt, um die Botschaft zu vermitteln. Und ich glaube, in dieser Hinsicht ist es ein sehr wertvoller Song.

In der zweiten Strophe heißt es: „But I will never teach my son embittered history“. Spricht hier das Kind über seinen eigenen Sohn, also sozusagen über die dritte Generation?

Ja. Wenn wir den Song live spielen, stelle ich gestisch diese verschiedenen Perspektiven dar. Ich bin dabei sozusagen das Kind und spreche auf der einen Seite mit meinem Vater und verweise dann auf der anderen Seite auf meine eigenen Kinder. Genau, das ist die Dynamik dahinter.

Die jüngere Generation muss Verantwortung übernehmen und uns in die richtige Richtung führen.

Glaubst du, dass ein Generationenkonflikt bis zu einem gewissen Grad notwendig ist, damit sich die Menschheit weiterentwickeln und Fortschritte machen kann?

Ja, absolut. Die alten, starren Leute mit ihren tief verwurzelten Ansichten müssen aus ihren Machtpositionen geholt und durch jüngere Menschen ersetzt werden. Diejenigen, die tatsächlich noch die nächsten 50 Jahre oder so auf diesem Planeten leben werden und denen die Zukunft dieses Planeten tatsächlich auch wichtiger ist als den alten Leuten – insbesondere einigen kranken Individuen, denen es ausschließlich um sich selbst geht.

Das ist die einzige Möglichkeit, wie wir etwas verändern können: Die jüngere Generation muss Verantwortung übernehmen, sich um die Dinge kümmern und uns in die richtige Richtung führen. Natürlich brauchen wir weiterhin die Erfahrung kluger älterer Menschen. Aber wir müssen sehr genau darauf achten, wen wir als unsere Führungspersonen auswählen.

Denkbar eingängige Hook, denkbar einleuchtende Botschaft: „I Have A Right“ vom Album „Stones Grow Her Name“ (2012).

Okay, „I Have A Right“ mag also vielleicht ein bisschen offensichtlich sein, aber der Song hat definitiv eine sehr starke Botschaft. Gibt es noch einen anderen Song, bei dem du sagen würdest, dass du besonders stolz auf den Text bist?

Oh, das ist wirklich schwierig. (überlegt) Vielleicht „Take One Breath“. Das ist ein Song über Transhumanismus und darüber, wie wir uns langsam in Roboter und teilweise in Maschinen verwandeln. Weil das die einzig vorstellbare Möglichkeit ist, wie wir uns über die Erde hinaus weiterentwickeln können – vorausgesetzt, wir haben das Glück, diesen Planeten zu überleben.

Wir werden uns in etwas Widerstandsfähigeres verwandeln müssen. Und damit haben wir ja bereits angefangen, indem wir menschliche Körperteile und Ähnliches mit 3D-Druckern herstellen. Wenn unser Gehirn also überleben kann, könnten wir so eines Tages vielleicht für immer leben oder unseren Geist auf Maschinen übertragen. Natürlich ist das Science-Fiction. Aber das waren viele andere Dinge früher auch. Dieser Videocall hier zum Beispiel wäre Science-Fiction gewesen, als ich ein Kind war. Alles entwickelt sich so unglaublich schnell.

Und ich weiß gar nicht genau, warum mir gerade dieser Song jetzt einfällt, aber ich bin sehr stolz darauf. Er hat für mich einfach auf vielerlei Weise eine besondere Bedeutung. In dem Song hört man auch leise ein Baby weinen, das ist mein zweitgeborener Sohn. Das war damals, als er gerade aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen war.

Und das Erste, was du gesagt hast, war dann: „Willkommen zu Hause, ich brauche dich für eine Tonaufnahme“?

Nicht gleich als Allererstes, haha. Aber meine Frau singt auf dem Song. Und ich hatte da gerade meinen Sohn auf dem Arm, und er fing an zu weinen – und ich weiß noch, wie ich dachte: „Oh, bitte wein’ noch ein bisschen weiter.“ Es passt einfach perfekt zu dieser Idee. Man spricht über Transhumanismus und hat dann gleichzeitig das Unschuldigste auf der Welt dabei: ein winziges Baby, einen vollständigen Menschen, an dem absolut nichts künstlich ist. Und dem gegenüber steht dann die Frage, wie wir Menschen uns zu etwas völlig anderem weiterentwickeln sollen.

Ich hoffe, dass die Menschheit überleben wird und wir irgendwann die ganze Galaxie erobern können – und dabei hoffentlich keiner anderen Zivilisation begegnen.

Dieser Song ist nicht dein erster, der sich mit Technologie beschäftigt. Es ist ja kein Geheimnis, dass du unter einer gewissen „Weballergy“ leidest und neuen Technologien gegenüber oft etwas skeptisch bist. In diesem Song scheinst du die technologische Zukunft allerdings eher hoffnungsvoll oder positiv zu sehen.

Ja, definitiv. Denn wenn wir mit dem Gedanken spielen, diesen Planeten eines Tages zu verlassen und als Menschheit zu überleben, dann sind wir in dieser Hinsicht auf dem richtigen Weg. Und natürlich hoffe ich, dass die Menschheit überleben wird und wir irgendwann die ganze Galaxie erobern können – und dabei hoffentlich keiner anderen Zivilisation begegnen. Denn dann würden wir ausgelöscht werden. Oder die anderen. Weil wir eben Menschen sind.

Okay, das ist also ein Song, auf den du stolz bist. Gibt es umgekehrt einen Song, dessen Text dir heute nicht mehr gefällt und bei dem du dir inzwischen wünschst, du könntest ihn irgendwie anders formulieren?

Da gibt es bestimmt eine ganze Menge. Zumindest viele Songs mit kleinen Stellen, die ich nicht mag und gerne ändern würde, weil sie sich für mich fast wie Fehler anfühlen.
Aber was das gesamte Konzept eines Textes angeht … hm, vielleicht „Silver Tongue“. Auf gewisse Weise ist das ein schöner Song. Aber mit dem Text habe ich mich irgendwie nie wirklich wohlgefühlt. Er fühlt sich einfach seltsam an.

Wir haben das Thema Technologie gerade schon ein wenig angeschnitten. Hast du jemals KI benutzt, um dir auf irgendeine Weise beim Schreiben von Songtexten helfen zu lassen?

Nur, um Informationen über ein bestimmtes Thema zu finden. Es ist sehr einfach, sich eine Zusammenfassung zu einem Thema erstellen zu lassen, und von dort aus kann man dann tiefer einsteigen. Ich denke, KI erspart einem die Zeit, in eine Bibliothek zu gehen und etliche Bücher zu lesen. Aber ich benutze sie nie, um Songs zu schreiben. Das ist schließlich etwas, das ich liebe – warum sollte ich es also an irgendein anderes Ding abgeben? KI kann den Abwasch machen oder meine Wäsche waschen oder das Haus putzen, was auch immer. All die Dinge, die ich nicht unbedingt gerne mache. Aber ich finde, Kunst sollte menschlich bleiben.

Kann KI denn ein nützliches Werkzeug sein, wenn es um die Überarbeitung von Texten oder das Korrigieren von Fehlern geht?

Klar, aber ich habe sie noch nicht einmal dafür benutzt. Dafür „benutze“ ich Menschen. Denn wenn du deine Songtexte in ein KI-Tool eingibst, gibst du sie aus der Hand und trainierst damit die KI. Das ist etwas, das mich nervös macht und wogegen ich ganz klar bin.

Es ist wichtiger, Songs zu schreiben, auf die man sich einigen kann, als solche, die Menschen spalten.

Über welche Themen würdest du in Zukunft noch gerne schreiben? Oder kannst du vielleicht sogar schon etwas über die Themen des nächsten Albums spoilern, das meines Wissens gerade in Arbeit ist?

Ja, die Texte sind mehr oder weniger fertig. Aber während der anstehenden Lateinamerika-Tour werde ich sie noch einmal überarbeiten und durchlesen und vielleicht einige davon neu schreiben. Es wird darauf einen weiteren Song aus der Caleb-Saga geben, und den finde ihn verdammt toll. Ich liebe diesen Song!

Aber was Themen im Allgemeinen angeht … Ich glaube, ich habe so ziemlich alles behandelt, was mir im Moment einfällt. Oder an das ich mich herantraue. Ich versuche, politische Themen bis zu einem gewissen Grad zu vermeiden, weil sie immer kontrovers sind. Andererseits sind sie für Künstler natürlich ein sehr wichtiges Mittel, um etwas zu bewirken, etwas zu verändern. In gewisser Hinsicht sind wir Influencer, denn wenn wir den richtigen Song schreiben, kann er die Welt verändern.

Auf dem neuen Album gibt es einen Song, der sich sozusagen mit Politik beschäftigt, aber ich weiß noch nicht, ob er vielleicht nur ein Bonustrack wird oder was auch immer. Er ist allerdings eher allgemein gehalten. Ich glaube, es ist wichtiger, Songs zu schreiben, auf die man sich einigen kann, als solche, die Menschen spalten. So etwas braucht die Welt im Moment nicht.

Sonata 03SONATA ARCTICA von links nach rechts: Tommy Portimo (dr.), Elias Viljanen (g.), Tony Kakko (v.), Henrik Klingenberg (k.), Pasi Kauppinen (b.)

Anne

Stilübergreifend Fan von packenden Harmonien und Lyrics. Es muss Spaß machen oder berühren – oder beides. In früher Jugend große Seelenanteile an den Powermetal verkauft. Trotzdem nie was mit Drachen und Einhörnern am Hut gehabt. Konzertliebe wiederentdeckt und zur Sucht werden lassen. Frontrowbegeisterung! Lebensziel: Mit 80 immer noch vorne mithüpfen.

Instagram: @now.spring.is.in.the.air

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