Nach ihren weltweiten, kommerziellen Erfolgen vor 40 Jahren und der selbstauferlegten Pause ab Beginn der 90er kehrten EUROPE mit „Start From The Dark“ 2004 eindrucksvoll zurück – in der Originalbesetzung von 1984, die bis heute ohne jeden Ärger oder Skandale Bestand hat. EUROPE ist es seitdem gelungen, in aller Ruhe ihren eigenen kleinen Kosmos zu erschaffen, mit einer starken Fanbase, ehrlichen Rock-Shows in mittelgroßen Häusern und einem Stil, der sie irgendwie immer und überall erkennbar macht.

Die Songs, die EUROPE in den vergangenen 22 Jahren geschrieben haben, sind meist düsterer als zu ihren Anfangszeiten, kantiger, weniger an einem einprägsamen Refrain orientiert. So auch auf „Come This Madness“, das textlich ein ums andere Mal den Blick auf den aktuellen Zustand unserer Welt richtet und die Frage stellt, wohin die Menscheit sich bewegt.
Dass EUROPE beim Gang ins Studio ein wuchtiges Album vorschwebte, beweist schon der Blick zum Mischpult. Produziert von Tom Dalgety (u.a. GHOST, RAMMSTEIN, OPETH, THE CULT) und gemixt durch Mike Fraser (METALLICA, AC/DC, THE CULT, VAN HALEN) fährt das Album einen großen, modernen Rock-Sound auf. Die Gastauftritte von Tobias Forge (GHOST) und Michael Åkerfeldt (OPETH) sind mir dagegen ehrlich gesagt gar nicht aufgefallen.
Der Opener „One On One“ beginnt mit kurzem Geigen- und Orchesterintro, dann leitet der pumpende Bass von John Levén das Gitarren-Riff ein, das diesen gelungenen Midtempo-Song trägt. Guter Auftakt, zudem mit einem schönen Solo von John Norum. Viele Leute haben ja nicht mehr auf dem Schirm, dass der Schwede nach wie vor zu den besten und songorientiertesten Rock-Gitarristen dieses Planeten gezählt werden muss.
Where you´re gonna go? What you´re gonna do?
The ghost of evolution´s coming after you
How´d they get their pride? How´d they get their heart?
Now all we do is waiting for this world to fall apart
„The Cult Of Ignorance“ beginnt mit dem charakteristischen Keyboard-Sound von Mic Michaeli sowie leichten Anklängen von THE CULT und entwickelt sich mit dem Refrain zu einer mitreißenden Komposition, die live künftig zu den Highlights zu zählen sein wird. Mit seinem Text richtet sich Joey Tempest gegen Politiker und Tech-Giganten, die aus Gier nach Macht und Geld alles daran setzen, die Demokratie in den Abgrund reißen.
Inhaltlich keinen Deut fröhlicher ist das titelgebende „Come This Madness“, von Joey Tempest mit Traurigkeit und Verzweiflung in der Stimme intoniert. Das Timbre des Frontmanns ist im Laufe der Jahrzehnte rauer geworden, zugleich schöpft er aus einem schier unendlichen Erfahrungsschatz, beherrscht die unterschiedlichsten Facetten, singt mitunter bewusst gegen den Rhythmus, und vereinzelt hat man das Gefühl, einem Album mit drei verschiedenen Sängern zu lauschen. Zwischenzeitlich nimmt die Band das Tempo bei diesem Song komplett raus – ein starker, emotionaler Moment.
„This Time Of Year“ entpuppt sich danach als Halbballade – eine traurige, große Nummer, die gekonnt die Brücke schlägt zu den ersten EUROPE-Alben. Es folgen „In A Different World“ und „Scandinavian Eyes“, das die Band als dritte Single ausgekoppelt hat. Auch hier ein klassischer Orchester-Beginn mit dem Flair alter Hollywood-Werke, dann ein schönes treibendes Riff und leichte Vibes von DEEP PURPLE. Funktioniert live ganz sicher hervorragend, entfaltet seinen kompletten Reiz jedoch nicht unbedingt beim ersten Anhören.
„Takin’ It Back“ ist der flotteste Song der Scheibe, ein EUROPE-typischer Rocker, kurz, prägnant, mit eingängigem Refrain – davon hätte ich mir durchaus etwas mehr gewünscht.
„In The Absence Of Grace“ dagegen ist ein Stück, das mir Rätsel aufgibt und das ich als vergebene Chance verbuchen muss. Ein ungemein gefühlvoller Beginn mit Klavier und Orchester, Joey Tempest klingt dabei fast wie Robbie Williams. Man hat das Gefühl, den Beginn eines monumentalen, epischen Werkes mitzuerleben – doch statt diese wunderschöne Melodie und Gesangslinie weiter auszubauen, bricht der Song nach knapp 90 Sekunden ab und erweist sich lediglich als kurzes Intermezzo, das keine Anbindung an den Rest der Scheibe findet. Bands und Produzenten treffen manchmal seltsame Entscheidungen, die ich nicht im Geringsten nachvollziehen kann – diese hier ist eine davon.
Die nachfolgenden „The Angels Must Have Flown“ und „The Devil’s Back“ stellen für mich danach die zwei schwächsten Songs auf diesem Album dar. Beide alles andere als schlecht, aber doch eher durchschnittlich.
„There’s still some people ´round this place, that think there’s some good in this world!” – mit diesen Worten leitet Joey Tempest den letzten Song ein. „Nothing Can Follow This“, das kann ich bereits nach wenigen Durchläufen sagen, ist mein Lieblingsstück auf diesem Album. Dramatisch und stimmungsvoll, mit einem spannenden Aufbau, bei dem Drummer Ian Haugland mit leicht versetztem Beat agiert. Der Refrain weckt bei mir Erinnerungen an den Band-Klassiker „Seven Doors Hotel“ – ein würdiger Abschluss.
Mit „Come This Madness“ stellen EUROPE einmal mehr unter Beweis, dass sie im Gegensatz zu anderen Bands ihrer Ära nicht bloß Verwalter des eigenen Nachlasses sind. Stattdessen sind hier fünf hervorragende Musiker am Werk, die es sich und ihrem Publikum nicht zu leicht machen wollen und die musikalisch noch immer jede Menge zu sagen haben. EUROPE-Fans werden begeistert sein, alle anderen Liebhaber hochklassiger und intelligent umgesetzter Rockmusik sollten „Come This Madness“ zumindest antesten.
Anspieltipps: Nothing Can Follow This / The Cult Of Ignorance / Come This Madness / This Time Of Year / Takin’ It Back
„Come This Madness“ Tracklisting:
1. One On One
2. The Cult Of Ignorance
3. Come This Madness
4. This Time Of Year
5. In A Different World
6. Scandinavian Eyes
7. Takin’ It Back
8. In The Absence Of Grace
9. The Angels Must Have Flown
10. The Devil’s Back
11. Nothing Can Follow This
EUROPE:
Joey Tempest – Lead Vocals
John Norum – Guitars
John Levén – Bass
Mic Michaeli – Keyboards
Ian Haugland – Drums
2026 Dates (The Final Countdown 40th Anniversary Tour):
30 Sep - SEC Armadillo, Glasgow (GB)
2 Oct - Civic Hall, Wolverhampton (GB)
3 Oct - Eventim Apollo Hammersmith, London (GB)
5 Oct - Musis Arnhem, Arnhem (NL)
6 Oct - Olympia, Paris (FR)
8 Oct - Poble Espanyol, Barcelona (ES)
9 Oct - Bilbao Arena Mirabilla, Bilbao (ES)
10 Oct - La Cubierta, Madrid (ES)
12 Oct - Salle Métropole, Lausanne (CH)
13 Oct - Volkshaus, Zürich (CH)
14 Oct - Alcatraz, Milan (IT)
16 Oct - Liederhalle, Stuttgart (DE)
17 Oct - Gasometer, Wien (AT)
19 Oct - Admiralspalast Theater, Berlin (DE)
20 Oct - COS Torwar, Warszawa (PL)
22 Oct - Falkoner, Frederiksberg (DK)
23 Oct - Film Studios, Gothenburg (SE)
24 Oct - B-K, Stockholm (SE)
26 Oct - Sentrum Scene, Oslo (NO)
15 Nov - Malta Metal Weekend, St. Julians (MT)
21 Nov - Ostravar Aréna, Ostrava (CZ)
25 Nov - Aalto Hall @ House of Culture, Helsinki (FI)
27 Nov - John Smith Rock Frozen Paviljonki, Jyväskylä (FI)
28 Nov - Unholy Winter Festival Joensuu Areena, Joensuu (FI)

