Geschrieben von Toni Turnschuh Sonntag, 08 November 2026 18:05

Die größte Geige der Welt und ein bisschen Zuversicht - DANGER DAN im Tempodrom Berlin

DANGER DAN im Tempodrom Berlin DANGER DAN im Tempodrom Berlin Fotos: Heiko Becker

DANGER DAN verbindet am 06.11.2026 im Berliner Tempodrom kluge Texte, feinen Humor und politische Dringlichkeit.

Zu Beginn sitzt DANGER DAN allein am Klavier, hinter ihm ein großer schwarzer Vorhang mit einem weißen Kreis, auf dem sich sein Schatten abzeichnet. Bei „Die meisten meiner Freunde“ singt das Tempodrom bereits mit. Immer wieder lässt er seinen Gesang aussetzen, die nächsten Zeilen kommen aus dem Saal. Heimspiel-Atmosphäre.

Früh wendet sich DANGER DAN ans Publikum. Alle sollen tanzen, singen, reinrufen und sich frei fühlen dürfen. Dazu gehört allerdings, auf die Menschen neben sich zu achten. Können alle etwas sehen? Braucht jemand Platz? Nach den Ausgrenzungserfahrungen dieses Sommers könne er immerhin mit Stolz sagen, Menschen mit rechter Gesinnung von seinen Konzerten vertrieben zu haben. Den verbliebenen Besuchern traut er deshalb die nötige Kompromissbereitschaft zu. Und sogleich entfacht er so das Gemeinschaftsgefühl, das für die Botschaften des Abends wichtig scheint: Steht gemeinsam auf, wehrt euch gegen den Rechtsruck in unserem Land, haltet zusammen und lasst den Arschlöchern nicht die Oberhand.

Zur frühen Ansprache gehört auch die Pointe über den Rat seiner Anwältin, die ausgerechnet beim Aufruf zur Gewalt landet. Aber was verstehen wir eigentlich unter Gewalt, und verstehen wir alle das Gleiche darunter? Ist erfolgreiche Gegenwehr gegen gewalttätige Rechtsextreme überhaupt immer ohne Gewalt möglich? „Keine Angst“, das Lied, nach dem auch das Album benannt ist, beschreibt rechte Bedrohung und Möglichkeiten antifaschistischer Gegenwehr. Nach der Veröffentlichung entstand eine Kontroverse, die in den Medien bis heute diskutiert wird. Dass ein Lied, das von Selbstschutz handelt, als Aufruf zur Gewalt gilt, sagt vielleicht mehr über den Stand der Debatte als über den Text.

Beim dritten Song, „Ingloria Victoria“, beginnt der Pianistenschatten auf dem Vorhang plötzlich, sich unabhängig von DANGER DAN zu bewegen. Nach ein paar komischen Aktionen wird klar: Dort sitzt ein zweiter Pianist. Anschließend bekommt auch ein Hund aus zwei Händen seinen Auftritt.

Mit den weiteren Instrumenten erscheinen auch die Schatten der Musiker auf dem Vorhang. Das Zusammenspiel hat etwas Kammermusikalisches. Die Reduzierung auf Scherenschnitte lässt einem Raum, um schnell und tief in die Musik einzutauchen und sich auf etwas Ursprüngliches, Wesentliches zu konzentrieren. Als der Vorhang schließlich aufgeht, kommt Schwung in den Saal. DANGER DAN steht vom Klavierhocker auf, tritt nach vorn, rappt, tanzt und springt. Anschließend stellt er gut gelaunt sein „Geigenensemble“ vor. Und welch ein Glück – sogar Paul ist dabei, mit der größten Geige der Welt. Paul grinst und zupft am Kontrabass. Weiter geht’s, DANGER DAN setzt sich wieder ans Klavier, und die sich leicht anfühlende Ernsthaftigkeit ist zurück.

Im häufig roten Licht erinnert die schwarz gekleidete Band gelegentlich an Varieté und die Blues Brothers. Manche Stücke haben etwas von Jahrmarktmusik, im Innenraum wird gewogt und geschunkelt. Selbst an den Gattern und Ausgängen scheint sich etwas zu lösen: Bei den Ordnern sind im Laufe des Abends immer weniger verschränkte Arme zu sehen. Manche wirken beinahe gerührt.

Auf die schwungvollen Nummern folgen ruhigere Passagen, in denen die Texte Raum bekommen. Die Musik wirkt stellenweise beinahe einfach – ausdrücklich ein Kompliment. Wo im Alltag vieles lauter, greller und schneller wird, tut es gut, sich auf Worte und eigene Gefühle konzentrieren zu können. Auch das Bühnenbild hält sich zurück. Zur „Ölsardinenindustrie“ schwimmen weiße Kreise über den dunklen Hintergrund wie durch ein Aquarium.

Diese Ruhe kommt auch den Gedanken zwischen den Liedern zugute. DANGER DANs Zwischenmoderationen verbinden Humor mit Beobachtungen, die im Verlauf ernster und aufrüttelnder werden. Er erzählt von seiner Reise durch Ostdeutschland, von Menschen und Projekten, die sich für Demokratie einsetzen. Die Begegnungen haben ihn auch dazu gebracht, sich selbst stärker zu hinterfragen, statt allein andere zu kritisieren.

Nach fast zwei Stunden verlangt das Tempodrom lautstark eine Zugabe. DANGER DAN und die Musiker kehren zurück. In diesem letzten Teil des Abends nimmt er sich ausführlich Zeit für die Geschichte der Widerstandskämpferin Helena Kuchar, genannt Jelka. Sie gehörte der slowenischen Minderheit in Österreich an und kämpfte als Partisanin gegen den Nationalsozialismus. Anekdote folgt auf Anekdote, das Publikum hört zu.

Dass diese Geschichte dauern darf, gehört zu den besonderen Momenten des Abends. Allzu präsent sind die andauernden Debatten über die immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen im Social-Media-Zeitalter. Hier erzählt jemand in aller Ausführlichkeit, weil ihm etwas wichtig ist, und traut seinem Publikum zu, dabei zu bleiben. Widerstand bekommt eine Geschichte und einen Menschen, an den man sich erinnern kann. Jelkas Geschichte liegt dem Lied „Drei rote Pfiffe“ der Schmetterlinge zugrunde, das auch zu DANGER DANs Zugaben gehört.

Kinder sitzen neben Grauhaarigen und schauen gebannt zur Bühne. Dort steht in riesigen roten Buchstaben „KEINE ANGST“. Im Saal liegt Aufbruchstimmung, verbunden mit einem Gefühl von Verantwortung und Gemeinschaft. In seinem abschließenden Appell fordert DANGER DAN noch einmal dazu auf, laut zu werden, sich gegen den Rechtsruck zu wehren, füreinander einzustehen und gemeinsam dafür zu kämpfen, dass diese Welt besser wird.

Und als Letztes stellt DANGER DAN fest: Diese ganze Geschichte hat ein Happy End – denn die Deutschen haben den Krieg verloren. Dieses Happy End besingt er auch in seinem allerletzten Song des Abends: „Aber dann“. Ein Lied, das von Veränderungen erzählt. Veränderungen, die einst kaum vorstellbar waren. Von überwundener Feindschaft und Teilung, aber auch von der eigenen Angststörung und dem späteren Weg auf die Bühne.

Das Tempodrom antwortet mit minutenlangem, tosendem Applaus – nicht nur auf das Lied, sondern auf den ganzen Abend.


Setlist Tempodrom 06.11.2026

1. Die meisten meiner Freunde
2. Ich verprügelte die Sextouristen in Bangkok
3. Ingloria Victoria
4. Ich bin ein Hund
5. Trotzdem
6. Dass es hier so schön ist
7. Mingvase
8. Sand in die Augen
9. Nie zur Ruh
10. Eine aufs Maul
11. Zum Späti
12. Warum es nicht geklappt hat
13. Wenn man Nazis so behandelte wie Frauen
14. Lauf davon
15. Ölsardinenindustrie
16. Für immer
17. Jede Grenze, jedes Gesetz, jeder Gott
18. In der Roten Rose
19. Keine Angst

Zugabe:
20. Eine gute Nachricht
21. Drei rote Pfiffe (Schmetterlinge-Cover, Konny-Version)
22. Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt
23. Aber dann