Scherben mit Goldrand
„Perfecth“, das neunte Studioalbum von QUEENS OF THE STONE AGE, erscheint am 30. Oktober bei Matador und hat eine lange Anlaufzeit hinter sich. Aufgenommen wurde in mehreren Studios, Städten und Phasen. Die ersten Sessions fanden kurz vor Mardi Gras in New Orleans statt, direkt nach der Tour zum Catacombs-Projekt, der reduzierten Neudeutung des Bandkatalogs aus den Pariser Katakomben. Die Songs ließen sich nicht drängen, Homme war nach eigener Aussage schlicht noch nicht qualifiziert, sie fertigzustellen. Selbst der Titel ist ein Eingeständnis: „perfect“ hält er für ein unehrliches Wort, also bekommt es ein „h“ spendiert.
Das Label hängt dem Album das Bild der Kintsugi-Keramik um, die mit Gold geflickt wird. Es passt, weil die Songs ihre Risse nicht überspachteln: „Easy Street“ ist fast wie eine Demo ohne Klicktrack entstanden, Fehler blieben bewusst stehen.
Abschied vom Stadion
Wiederholung war nie das Geschäft dieser Band. Aus dem Wüstenrock-Erbe von Kyuss, das noch im Debüt von 1998 steckte, machte Homme schon zwei Jahre später mit „Rated R“ ein Album voller Pop-Melodien und Humor, und „Songs for the Deaf“ (2002) mit Dave Grohl am Schlagzeug wurde zum Mainstream-Treffer. Später zeigte sich die Band auf „…Like Clockwork“ (2013) nach Hommes Krise verletzlich, ließ Mark Ronson „Villains“ (2017) trocken und tanzbar klingen und holte sich auf „In Times New Roman…“ (2023) die Rauheit zurück. Gelobt wurde sie meist dann, wenn sie abgebogen ist. Etwas schlechter weg kam sie, wenn sie sich glättete oder selbst zitierte.
„Perfecth“ ist wieder so eine Abzweigung. Für den großen, lauten Stadionrock ist diesmal kein Platz, und er fehlt nicht. Stattdessen ein Album, das folkig und artsy ist, reif und abwechslungsreich, und auf dem Homme so gut singt, dass die Zurückhaltung der Band zum Vorteil wird.
Blues, Walzer, Geisterstunde
Der Opener „It's Only Love“ bleibt mit seinen Gleisgeräuschen in Intro und Outro eher Vorspiel als Song. Danach aber legt die Platte los. „Insignificant Other“ erzählt von einer Trennung, die von hinten kam („never even saw the blade“), und lässt Horoskope und „psychobabble“ als Spott abtropfen, bis sich in der letzten Strophe die Richtung dreht und aus Verbitterung Erleichterung wird: „Letting go of you is beautiful“. Die Musik hat das längst vorweggenommen, sie klagt nicht, sie schlendert.
„Where The Goth Girls At?“ ist das sperrigste Stück der Platte. Es schrammelt und jammt lange um Vorstadt-Langeweile, Mall-Make-up und die Lust am Abgrund („Never felt so alive as the day I almost died“), bis es zur wirkungsvollsten Klimax des Albums aufdreht. „Mono“ dagegen trägt einen gezerrten Bass im Walzertakt, Streicher geben dem Ganzen etwas Filmmusikhaftes, und der Mix öffnet sich im Verlauf von Mono zu Stereo. Im Text spukt ein Geist die Wendeltreppe hinauf, bis aus der Liebeserklärung ein Flehen wird: „Come home, I need you“.
Leise zum Schluss
„From The Cliff“ ist folkig und zärtlich, ein Liebeslied im Gegenlicht, dessen „Don't turn around“ man als Bitte oder als Warnung lesen kann. „Sunday“ bricht die Stimmung auf. Es beginnt wie ein Disco-Track der Achtziger, der Beat treibt, und gegen Ende erinnern Riff und Refrain an KISS' „I Was Made For Lovin' You“. Der Song stammt aus der Zusammenarbeit mit Iggy Pop und erschien zuerst auf dessen „Post Pop Depression“. Homme singt ihn hier nicht wie Iggy, sondern, wie er sagt, eher Richtung French Disco. Der Text fragt, wozu das alles gut sein soll, wenn man doch schon alles hat.
„Easy Street“, die erste Single, kommt mit Akustikgitarren, psychedelischen Synthesizern und Nikki Lane als Gastsängerin, deren raue Stimme sich schön an Hommes geschmeidiger reibt. Der Refrain lädt zum Mitsingen ein, der Text handelt von Selbstzerstörung und dem Gefühl, schon lange tot zu sein. „Phantom Limb“ erinnert in seiner Verlorenheit an „Jar of Flies“ von Alice in Chains und kreist um das Eingeständnis, Hilfe zu brauchen. „Run Away From The Mob“ schwebt schließlich über Akustikgitarre und Ridebecken, mit Anklängen, die an die Beatles denken lassen, und richtet sich als einziger Song nach außen: gegen die Lynchstimmung eines Mobs, der Blut will und sich hinterher mit „Our Mistake“ entschuldigt. Die letzte Zeile aber geht wieder nach innen: „I'm right there wherever you are“.
Schön kaputt
Fast jeder Song auf „Perfecth“ hat jemanden im Raum, der nicht mehr da ist: den Geist auf der Wendeltreppe, das Phantomglied, die Silhouette im Gegenlicht. Gerade deshalb braucht die Platte keine Lautstärke, um zu treffen. Sie klingt zerbrechlich und ist doch dicht gebaut, reif, ohne müde zu wirken, und Homme trägt das alles mit einer Stimme in Bestform. Der Sprung von der Kante, mit dem „It's Only Love“ beginnt, endet nicht im Absturz.
Fazit
Ein reifes, zerbrechliches Album, das auf Lautstärke verzichtet und dafür wärmer, abwechslungsreicher und tiefer klingt. Einzig der Opener bleibt Vorspiel.
Anspieltipps
„Insignificant Other“ 9/10 – bluesiger Groove, das Herzstück des Albums
„Mono“ 8/10 – gezerrter Bass, Walzer, Streicher, Soundtrack-Drama
„Run Away From The Mob“ 8/10 – schwebend, akustisch, Beatles-Anklänge

