Geschrieben von Donnerstag, 02 Juli 2026 21:27

FOO FIGHTERS im Berliner Olympiastadion: Die Anatomie einer Stadionrock-Machtdemonstration

Foo Fighters live in Berlin Foo Fighters live in Berlin Fotos: Heiko Becker

Dave Grohl ist und bleibt eine der faszinierendsten Konstanten der modernen Rockgeschichte. Während weite Teile des Genres mit Nachwuchssorgen oder Identitätskrisen kämpfen, demonstrierten die FOO FIGHTERS am 1. Juli im Berliner Olympiastadion eindrucksvoll, warum sie die unangefochtene Benchmark im Arena-Segment sind.

Vor rund 65.000 Zuschauern lieferte die Formation ein Lehrstück in Sachen musikalischer Dynamik, Publikumsführung und Krisenmanagement. Dass Dave Grohl diesen Abend zur „biggest Show in Germany EVER“ ausrief, war kein billiger Pop-Populismus, sondern die treffende Bestandsaufnahme einer Band auf dem Zenit ihrer Live-Schaffenskraft.

Das Vorprogramm: IDLES als energetischer Kontrapunkt

Bevor das Hauptprogramm startete, lieferten die Post-Punk-Sensationen von IDLES (nach einem knackigen Opener durch FAT DOG) ein fast 60-minütiges Lehrstück in Sachen rauer Live-Energie. Musikalisch bildeten die Briten einen extrem spannenden, sperrigen Kontrapunkt zum späteren Breitwand-Rock der FOO FIGHTERS.

Die beiden Gitarristen suchten kompromisslos den physischen Kontakt im Publikum, während der Frontmann mit einer furiosen Physis und einem spontanen Kopfstand die Blicke auf sich zog. Durchzogen von den für die Band typischen, lautstarken „Free Palestine“- und antifaschistischen Statements, entfaltete das Set eine intensive, hochpolitische Dringlichkeit.

Wetterchaos und die Psychologie der Masse

Kurz vor der geplanten Showtime (gegen 18:40 Uhr) drohte eine meteorologische Zäsur: Ein herannahendes Gewitter erzwang die sofortige Räumung des Innenraums. Was logistisch ein Albtraum ist, wurde in der Praxis zu einem atmosphärischen Katalysator. Die auf die Tribünen evakuierte Crowd hielt die Spannung eigenständig mittels endloser, durch das weite Betonrund schwappender La-Ola-Wellen aufrecht. Als kurz nach 19:00 Uhr die Entwarnung erfolgte und die Massen im Laufschritt zurückströmten, war der Boden für eine kathartische Entladung bereitet.

Mit einer verständlichen Verspätung von 30 Minuten betraten die FOO FIGHTERS die Bühne. Visuell untermalt von tiefrotem Bengalo-Rauch initiierten sie ein beispielloses Hit-Feuerwerk. Wer das Selbstbewusstsein besitzt, ein Set direkt mit der Dreifaltigkeit aus „All My Life“, „The Pretender“ und „My Hero“ zu eröffnen, legt die qualitative Messlatte unerreichbar hoch. Grohls humorvolle Zwischenbilanz traf den Kern:

We like to play song after song after song ... we have too many fuckin' songs.

Dramaturgische Brüche und historische Zitate

Kritisch betrachtet neigen Stadionkonzerte oft zu steriler Perfektion – nicht so an diesem Abend. Die Band brach das starre Großbühnen-Konzept geschickt auf, indem sie sich für ein Akustik-Intermezzo auf den vorderen Steg zurückzog. Diese klangliche Reduktion schuf eine fast intime Club-Atmosphäre, die perfekt mit der Kulisse harmonierte: Der abziehende Regen überließ den Himmel einem satten Abendrot, das vom Lichtermeer tausender Smartphones gespiegelt wurde.

Ein echtes Highlight für Rhythmus-Feinschmecker offenbarte sich im Rahmen der ausgiebigen Bandvorstellung. Bei dem Jam-Segment zu „Tap Dancing in a Minefield“ vollzog die Formation eine faszinierende Positionsrotation: Dave Grohl verließ seine Frontmann-Rolle und wechselte interimsmäßig an die Schießbude, während der neue Drummer Ilan Rubin den Posten räumte. Grohl bewies an den Kesseln augenblicklich jene animalische Präzision und unbändige Urgewalt, die sein Drumming historisch einst berühmt machte – ein packender Deep-Cut-Moment, der den ohnehin dynamischen Mittelteil des Sets perfekt veredelte.

Zum Finale hin erlaubte sich die Band mit dem zehnminütigen Monumentalwerk „The Teacher“ einen Ausflug in gniedelig-schrammelige Post-Rock-Sphären, ehe der unsterbliche Klassiker „Everlong“ den Abend als brachialer Schlussakkord vollendete. Ein perfekt getaktetes Feuerwerk über dem Stadiondach besiegelte das dreistündige Set.

Fazit

Man kann über den traditionell schwierigen Sound in Sportstätten dieser Größenordnung streiten – doch die schiere Performance-Gewalt fegte jeden akustischen Makel hinweg. Dave Grohl übertrug seine überbordende Energie mittels präzise gesetzter Rock-Gesten und Urgewalt-Schreie fehlerfrei auf die Masse. Die FOO FIGHTERS bewiesen an diesem Abend, dass ihnen im Stadion-Metier derzeit niemand das Wasser reichen kann.

Setlist

  1. All My Life
  2. The Pretender
  3. Times Like These
  4. Rope
  5. Stacked Actors
  6. My Hero
  7. Learn To Fly
  8. These Days
  9. Walk
  10. This Is A Call
  11. No Son Of Mine (w/ Ace Of Spades jam)
  12. Wheels
  13. Marigold
  14. Window
  15. Big Me
  16. Under You
  17. La Dee Da
  18. Run
  19. Band Introductions (Invincible/Seven? / One Headlight/Manimal/Tap Dancing In A Minefield)
  20. Monkey Wrench
  21. Breakout
  22. The Sky Is A Neighborhood
  23. Aurora
  24. Best Of You
  25. The Teacher
  26. Everlong
Heiko

Ich bin Heiko Becker, gebürtiger Schleswig-Holsteiner und seit vielen Jahren in Berlin zu Hause. Meine musikalische Herkunft liegt im Grunge und der „angezerrten Gitarrenmusik“ der frühen 90er – Bands wie Nirvana, Guns N’ Roses, AC/DC, Pearl Jam, Foo Fighters, Machine Head, Pantera, Slayer, Metallica, Paradise Lost und Sick Of It All gehören zu meinen prägendsten Lieblingsbands. Aber auch Rap, Hip-Hop und Songwriter begeistern mich, solange die Musik handgemacht ist und bei mir Emotionen weckt.

Viele Jahre war ich als normaler Besucher auf Festivals wie Roskilde, Wacken Open Air, Hurricane Festival und Dynamo Open Air unterwegs. Seit 2024 darf ich endlich als akkreditierter Fotograf dabei sein und tolle Bilder von diesen besonderen Momenten machen.

Musik für mich ist immer eine emotionale Erfahrung – egal ob im Publikum oder hinter der Kamera, Hauptsache, sie berührt und bleibt im Gedächtnis.

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