Es gibt Fragen, an denen erkennt man sofort, ob jemand Wacken verstanden hat. Zum Beispiel: Welche Band spielt wann? Wo gibt's das nächste Bier? Und wie viele Tage kann ein Mensch dieselben Gummistiefel tragen, bevor daraus eine molekular feste Bindung wird?
Die eigentliche Gretchenfrage lautet jedoch: Fährt man nach Wacken, ist man in Wacken, auf Wacken, bei Wacken oder sogar beim Wacken?
In Wacken
Geografisch scheint die Sache zunächst einfach. Wacken ist eine Gemeinde im Kreis Steinburg. Wer sich innerhalb ihrer Ortsgrenzen befindet, ist folglich in Wacken. Man fährt nach Wacken, übernachtet in Wacken und steht spätestens am Sonntag nach dem Festival im Stau aus Wacken heraus. So weit, so amtlich.
Bei Wacken
Bei Wacken befindet sich dagegen, wer nicht ganz in Wacken ist, aber nahe genug, um nachts noch den Bass zu spüren und morgens fremde Zelte im Vorgarten zu entdecken. „Bei Wacken" ist somit weniger eine präzise Ortsangabe als die Bezeichnung einer akustischen und kulturellen Einwirkungszone.
Auf Wacken
Schwieriger wird es mit auf Wacken. Sprachpuristen könnten einwenden, dass man schließlich auch nicht „auf Hamburg", „auf Itzehoe" oder „auf Neumünster" fahre – wobei Letzteres möglicherweise ohnehin niemand freiwillig machen würde. Doch Wacken bezeichnet längst nicht mehr nur einen Ort. Es bezeichnet ein Ereignis, einen Zustand und für einige Tage sogar eine eigenständige Gesellschaftsform.
Man ist auf Malle (auf der Insel Mallorca). Aber „auf Wacken" besitzt eine andere Bedeutung: Es markiert den Übergang in einen zeitlich begrenzten sozialen Raum, in dem Kutten angemessene Abendgarderobe sind, Fremde zu Nachbarn werden und ein Hinhocken auf dem matschigen Acker mehr Heimatgefühl erzeugen kann als manches schicke Einfamilienhaus.
Auf Wacken ist man deshalb nicht bloß auf einem Festivalgelände. Man befindet sich auf einer kleinen Insel in der Brandung der Normalität. Rundherum läuft die gewöhnliche Welt weiter: Termine, Rollen, Erwartungen, Kleiderordnungen und die leise Verpflichtung, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Auf Wacken hingegen darf das Außergewöhnliche für einige Tage gewöhnlich sein. Hier wird nicht die Abweichung erklärt, sondern höchstens gefragt, warum sich jemand noch nicht im Mosh-Pit blaue Flecken geholt hat.
Sprachwissenschaftlich handelt es sich bei „Wacken" um eine Metonymie: Der Name des Ortes steht für das Ereignis, das dort stattfindet. „Wacken" bedeutet in diesem Zusammenhang eigentlich „das Wacken Open Air". Weil Menschen sprachökonomisch veranlagt sind, wird daraus zunächst „das Wacken" und schließlich nur noch „Wacken". Das Festival verschluckt seinen eigenen Namen – vermutlich irgendwo zwischen Infield und Bauer Uwes Garten.
Beim Wacken – und auf dem Wacken
Auch beim Wacken ist deshalb keineswegs falsch. „Beim" ist die Verschmelzung von „bei dem". Wer „beim Wacken" war, war demnach beim Festivalgeschehen anwesend. Die Form klingt allerdings ein wenig so, als habe Wacken einen Termin beim Hausarzt: „Ich war letzte Woche beim Wacken. Ich soll mehr trinken und mich etwas schonen."
Und dann gibt es noch auf dem Wacken. Grammatisch ist das erklärbar, stilistisch aber verräterisch. Wer „auf dem Wacken" sagt, betrachtet das Festival offenbar als Fläche, Veranstaltung oder Naturereignis. Vergleichbar mit „auf dem Jahrmarkt", „auf dem Sportplatz" oder „auf dem Vulkan". Letzteres kommt der tatsächlichen Erfahrung vermutlich am nächsten.
Die sprachlich saubere Antwort
Die sprachlich sauberste Antwort lautet daher: Es kommt darauf an, welches Wacken gemeint ist.
- Wer den Ort meint, ist in Wacken.
- Wer sich in der Umgebung befindet, ist bei Wacken.
- Wer zum Festival fährt, fährt nach Wacken oder aufs Wacken.
- Wer vollständig in diese vorübergehende Parallelgesellschaft eingetaucht ist, lebt einige Tage auf Wacken.
- Und wer am Sonntag noch immer nicht weiß, wo er, sein Zelt oder sein Auto sind, war vermutlich sehr intensiv dort.
Wacken ist damit nicht nur geografisch, musikalisch und soziologisch bemerkenswert. Es gehört zu den wenigen deutschen Orten, die ihre eigene Präposition außer Kraft gesetzt haben. Für einige Tage gelten dort andere Regeln – in der Kleidung, im Zusammenleben und offenbar auch in der Grammatik.
Man fährt also nach Wacken, lebt einige Tage auf Wacken, befindet sich offiziell in Wacken und erzählt später, man sei beim Wacken gewesen.
Nur einen Satz sollte man sich gut überlegen:
„Ich habe das Wacken Open Air besucht."
Wacken besucht man nicht. Wacken überrollt einen.